Über dieses Buch

Die Geschichten von Karl dem Großen

Aufgezeichnet durch Notker den Stammler

 

ERSTES BUCH

 

NACHDEM der allmächtige Ordner der Dinge und Lenker der Reiche und Zeiten jenes wundersamen Bildes eiserne und tönerne Füße in den Römern zermalmt hatte, richtete er eines anderen, nicht weniger wunderbaren Bildes goldenes Haupt durch den erlauchten Karl auf in den Franken. Karl selbst war bereits alleiniger Herr im Westen der Erde, doch war wissenschaftliche Betätigung in seinem ganzen Reich fast vergessen, und damit erkaltete auch der Dienst des wahren Gottes: da begab es sich, daß zwei Schotten aus Irland mit britischen Kaufleuten an die Küste Galliens kamen, in weltlichen und heiligen Schriften unvergleichlich gelehrt. Täglich riefen sie aus - sie hatten sonst keine Ware feilzubieten - immer wieder, wenn die Kauflustigen herbeiströmten : "Wen nach Weisheit gelüstet, der komme zu uns und lasse sie sich geben, denn bei uns kann man sie kaufen." Sie riefen aber deshalb, man könne die Weisheit bei ihnen kaufen, weil sie sahen, daß die Leute lieber das einhandelten, was sie bezahlen mußten, als das, was sie umsonst hatten. Sie wollten damit die Leute reizen, wie andere Dinge sich auch die Weisheit zu verschaffen, oder - wie das folgende zeigt - sie nur stutzig und aufmerksam machen. Schließlich hatten sie ihren Spruch so lange ausgerufen, bis es von den Leuten, die sich über sie wunderten oder sie gar für verrückt hielten, zu den Ohren König Karls gebracht wurde, der immer die Weisheit liebte und ihrer sehr begehrte.

 


Karl ließ sie, so schnell es ging, vor sich fordern und fragte sie, ob sie auch wirklich die wahre Weisheit, wie er selbst habe sagen hören, bei sich hätten. Sie antworteten: "Ja, wir haben sie und wollen sie gern denen geben, die im Namen des Herrn würdig danach verlangen." Und als Karl weiter fragte, was sie dafür forderten, gaben sie zurück: "Nein, Geld wollen wir nicht dafür, nur bitten wir, König, um geeignete Plätze und begabte Menschen und, ohne was man diese Pilgerfahrt nicht vollenden kann, um Essen und Trinken und womit wir uns kleiden sollen." Über diese Antwort war der König sehr froh, und zunächst behielt er beide bei sich eine Weile. Dann aber, als ihn die Ereignisse zu Kriegszügen drängten, ließ er den einen von ihnen, namens Klemens, in Gallien wohnen. Ihm vertraute er zahlreiche Kinder von vornehmem, gutem und auch niedrigem Herkommen an und ließ ihnen, wie sie es nötig hatten, die Mittel zum Lebensunterhalt geben und bestimmte für sie geeignete Studierräume. Den andern aber schickte er nach Italien und wies ihm das Kloster des heiligen Augustin bei Pavia an, auf daß dort alle, die Lust hatten, zu ihm in die Schule kommen konnten.

 

2.

 

ALS nun auch Alkuin, ein Mann aus dem Volke der Angeln, hörte, wie herzlich der fromme Kaiser Karl weise Männer bei sich aufnähme, machte er sich zu Schiff auf und kam vor ihn. Er war in allen Schriften wohlerfahren über alle anderen Lehrer der neuen Zeit und ein Schüler des hochgelehrten Priesters Beda, der ja der kundigste Ausleger der Schrift seit dem heiligen Gregor war. Ihn nahm Karl gütig auf und behielt ihn bis an sein Ende beständig in seiner Nähe, wenn er nicht gerade mit dem Heer, wie häufig, in große Kriege zog. Karl achtete ihn so hoch, daß er sich Alkuins Schüler, ihn selbst seinen Meister genannt wissen wollte. Er gab ihm die Leitung der Abtei des heiligen Martin bei Tours, damit er, wenn Karl abwesend sein mußte, dort in Ruhe leben und die Schüler lehren konnte, die zu ihm zusammenströmten. Seine Gelehrsamkeit trug in seinen Schülern solche Früchte, daß die heutigen Gallier oder Franken den alten Römern und Griechen gleich geachtet wurden.

 

3.

 

ALS nun der siegreiche Karl nach langer Zeit wieder nach Gallien heimkam, hieß er die Knaben vor sich kommen, die er dem Klemens anvertraut hatte, und ließ sich ihre Schreiben und Gedichte vorlegen. Die Knaben von geringer und niederer Herkunft brachten ihre Arbeiten, über Erwarten mit aller Würze der Weisheit gesüßt, die Vornehmen aber wiesen nur albernes und laues Zeug vor.

 

Da tat der weise Kaiser nach der Gerechtigkeit des ewigen Richters und schied die guten Arbeiter zu seiner Rechten und sprach zu ihnen so: "Habt vielen Dank, Kinder, daß ihr darauf bedacht wart, meinen Befehl zu eurem Nutz und Frommen zu befolgen. So seid jetzt fleißig, zur Vollkommenheit zu gelangen, dann will Ich euch prächtige Bistümer und Klöster geben, und ihr sollt stets hochgeehrt in meinen Augen sein."

 

Dann wandte er sich zu denen zur Linken. Mit großer Strenge, flammenden Blicks traf er ihr Gewissen und schleuderte ihnen voll Spott, mehr donnernd als redend, die schreckhaften Worte zu: "Ihr vornehmen Bürschchen, ihr Fürstenkinder, ihr zarten hübschen Kerlchen, die ihr auf eure hohe Geburt und euern Besitz pocht: mein Gebot und euern Ruhm habt ihr für nichts geachtet; bei Büchern und im Studium wart ihr faul, Wohlleben, Spiel, Trägheit und eitler Zeitvertreib waren euch lieber." Das war nur der Anfang, dann hob er sein erhabenes Haupt und seine nie besiegte Rechte zum Himmel wie zum Schwur und blitzte sie an: "Beim König der Himmel! Nein, ich will eure adlige Geburt und euer hübsches Gesicht nicht hoch achten, mögen auch andre euch drum bewundern. Und des sollt ihr sicher sein: wenn ihr nicht bald eure alte Faulheit durch wachen Fleiß wieder gut macht, so wird euch von Karl nimmermehr Gutes zuteil!“

 

4.

 

VON diesen armen Schülern also nahm er einen guten Dichter und Schreiber in seine Kapelle auf. So hatten sich die fränkischen Könige ihr Heiligtum zu nennen gewöhnt nach der Cappa des heiligen Martin, die sie zu ihrem Schutze und zur Abwehr der Feinde stets mit in den Krieg nahmen.

 

Als einmal König Karl der Tod eines Bischofs gemeldet wurde, fragte er, der für alles Sorge trug, ob der Tote auch etwas von seinem Vermögen für sein Seelenheil gegeben hätte, und erfuhr von dem Boten: "Herr, nicht mehr als zwei Pfund Silbers," Da seufzte jener junge Schreiber tief auf, konnte seine Erregung nicht mehr verbergen und sagte in Gegenwart des Königs: "Ein kärgliches Reisegeld für den langen, weiten Weg!" Karl, der besonnenste aller Menschen, überlegte eine Weile bei sich, dann sagte er dem jungen Menschen: "Glaubst du denn, du würdest, wenn du selber Bischof dort wärst, dafür sorgen, mehr für jene lange Reise aufzuwenden?" Der verschlang gierig die Worte, die über ihm hingen, wie ein Hungernder die ersten reifen Trauben, die ihm in den Mund fallen, sank ihm zu Füßen und sprach : "Herr, das steht in Gottes Willen und Eurer Macht." Und der König: "Stell dich hinter den Vorhang, der in meinem Rücken hängt, und horche, wie viele dir zu dieser Ehre helfen werden!"

 

Die Höflinge, die immer auf den Fall oder gewiß auf den Tod anderer lauern, hatten kaum den Tod des Bischofs vernommen, als sie auch schon genug damit zu tun hatten, ein jeder durch die Vertrauten des Kaisers für sich die Bischofswürde zu erwerben, ungeduldig über jede Verzögerung und einer immer neidisch auf den andern. Aber Karl beharrte unabänderlich auf seinem Vorsatz und schlug es allen ab. Er sagte, er wolle jenem jungen Manne sein Wort nicht brechen. Zuletzt schickte die Königin Hildegard erst hohe Würdenträger des Reiches, dann begab sie sich höchsteigen zum König, um das Bistum für einen ihrer Geistlichen zu erlangen. Ihre Bitte nahm er freundlich auf und sagte, er könne und wolle ihr nichts abschlagen, nur verwerfe er es, jenem Geistlichen sein Wort zu brechen. Wie es aller Frauen Art ist, daß sie wollen, ihre Pläne und Wünsche sollten mehr wiegen als die Beschlüsse der Männer, so wurde sie ergrimmt. Aber sie verbarg ihre Wut, ihre laute Stimme wurde klein, und sie versuchte durch Zärtlichkeiten den festen Sinn des Kaisers zu erweichen und sprach: "Mein Herr und König, was soll jenem Knaben das Bistum, daß er es verderbe? Nein, ich beschwöre Euch, liebster Herr, mein Ruhm und meine Zuflucht: gebt es Eurem treuen Diener, meinem Geistlichen!"

 

Da umschlang der Jüngling, den Karl hinter den Vorhang, vor dem er selbst saß, hatte treten lassen, zuzuhören, wie jedermann ihm mit Bitten zusetzte, den König mitsamt dem Vorhang und rief: "Herr und König, halte fest an deiner Beharrlichkeit, damit dir nicht einer die Gewalt aus den Händen entwinde, die Gott dir gab!" Da rief er ihn vor ins helle Licht, der tapfere, wahrhaftige Kaiser und sprach zu ihm: "Da nimm das Bistum, ich will es, und hab treulich acht, daß du ein größeres Reisegeld vor mir und dir hersendest für jene lange unwiderrufliche Reise!"

 


 

5.

ES war ein Geistlicher im Gefolge des Königs, arm und verachtet und auch nicht gerade gebildet. Der fromme Karl erbarmte sich seiner Armut und versagte ihm nie sein Wohlwollen, viel weniger entfernte er ihn aus seinen Augen, so sehr jener auch allen widerwärtig war und alle ihn immer zu verdrängen suchten. Einmal, am Vorabend des Festes des heiligen Martin, berichtete man dem Kaiser, einer seiner Bischöfe sei gestorben. Er rief einen seiner Geistlichen von vornehmer Geburt und großer Gelehrsamkeit vor sich und verlieh ihm das Bistum.

 

In Freude aufgelöst, lud der neue Bischof viele Hofleute in sein Haus, nahm auch die vielen, die aus seinem Sprengel zu ihm kamen, mit großer Feierlichkeit auf und gab allen ein glänzendes Mahl. Nun füllte er sich so sehr an dem Mahle, stürzte so viel Wein durch seine Kehle und war schließlich so trunken, daß er ganz vergaß, an diesem Feiertag zu den nächtlichen Vigilien zu kommen. Damals aber war es herkömmlich, daß der Leiter des Chores jedem tags zuvor anwies, welches Responsorium er in der Nacht singen sollte. Und diesem, der das Bis- tum schon in Händen hielt, war das Responsorium zugedacht: "Herr, wenn ich für dein Volk!"

Aber er war ja daheim geblieben, und so entstand nach der Verlesung eine große Stille: einer mahnte den andern, das Responsorium anzustimmen, und jeder, einer nach dem andern, sagte, er habe das zu singen, was ihm an- gewiesen sei. Bis schließlich der Kaiser eingriff: "So singe doch jemand !"

 

Da stimmte jener verachtete Mann - Gottes Geist stärkte ihn und des Kaisers Aufforderung machte ihm Mut dazu - das Responsorium an. Gleich befahl der gnädige Kaiser, ihm zu helfen, denn er dachte nicht, daß er das Ganze singen könnte. Nun fielen alle ein, aber der Arme konnte von niemand den Vers erfahren. Da begann er, als das Responsorium geendigt war, das Gebet des Herrn schön und richtig zu singen. Alle wollten ihn daran hindern, weil er einen falschen Vers sich gewählt hatte, aber der weise Karl wollte sehen, zu welchem Ende er käme, und verbot, daß einer ihn störte. Der Sänger aber schloß seinen Vers mit: "Dein Reich komme", so mußten die andern wohl oder übel erwidern : "Dein Wille geschehe!"

 

Als die Morgenandacht nun vorüber war und der König wieder in die Pfalz und sein Schlafgemach ging, sich zu wärmen und sich zu Ehren des heutigen Festes zu schmücken, ließ er jenen verachteten Schüler und neuen Sänger zu sich rufen und fragte ihn: "Wer hieß dich denn das Responsorium singen?" Erschrocken antwortete er: "Herr, Ihr befahlt ja, es solle einer singen." Da sagte der König - so nannten unsere Väter den Kaiser -: " Wer von meinen Leuten zeigte dir denn jenen Vers?" Er stammelte die Worte, womit damals häufig niedere Leute Höhere zu ehren und zu beschwichtigen oder gar zu schmeicheln suchten (auf göttliche Eingebung sagt man) : "Freudenreicher Herr, gnadenreicher König, als ich von niemand sonst den andern Vers erfragen konnte, dachte ich in meinem Sinn, wenn ich einen unpassenden erwischte, würde ich Euer Gnaden Anstoß erregen. Daher nahm ich mir vor, den zu singen, dessen Schluß mit den letzten Worten des Responsoriums übereinstimmt, wie ich ja aus Erfahrung wußte." Da lächelte ihm der milde Kaiser zu und verkündete vor allen Fürsten: "Jener Vermessene bewies weder Gott noch Gottes Liebling so viel Ehre und Furcht, daß er auch nur für eine Nacht seine Lüste gezügelt hätte, um das Responsorium anzustimmen, das er zu singen hatte. Nach Gottes und meinem Urteil hat er sein Bistum verloren. Dir gibt es nun Gott, und ich bin damit einverstanden : sieh zu, daß du es nach dem Vorbild der Kirchenväter und der Apostel verwaltest!"

 


6.

EINMAL -es war ein anderer Bischof gestorben - setzte der Kaiser einen noch jungen Mann an seinen Platz. Als der nun zur Abreise froh erregt hinausschritt, wollten ihm seine Diener sein Pferd, seiner bischöflichen Würde entsprechend, an die Stufen der Treppe führen. Unwillig, daß sie ihn wie einen alten schwachen Mann behandelten, sprang er von ebener Erde derart aufs Pferd, daß er sich nur mit Mühe auf ihm halten konnte und fast auf der anderen Seite wieder herunter gefallen wäre.

Das sah der König durch die Gitter seiner Pfalz, ließ ihn eilig vor sich rufen und sagte ihm: "Guter Mann, du bist ja hurtig und behende, ein rechter Draufgänger. Jedenfalls weißt du, wie durch vielen Kriegslärm von allen Seiten die Ruhe unseres Reiches gestört wird. Darum brauche ich gerade einen solchen Geistlichen in meinem Gefolge. Bleibe doch einstweilen mein Begleiter in unseren Mühen, solange du flink aufsitzen kannst."

7.

WAS ich noch über die Einrichtung der Verlesungen vergaß zu sagen, als ich von der Anordnung der Responsorien erzählte, das mag mir verstattet sein, hier kurz nachzutragen. Niemand gab in der Kirche des gelehrten Karl einem zuvor an, was er zu verlesen hatte, niemand machte sich den Schluß durch ein Stückchen Wachs deutlich oder ritzte auch nur ein ganz kleines Zeichen mit dem Fingernagel ein. Sondern allesamt gaben sie sich Mühe, sich mit allem, was sie zu verlesen hatten, so vertraut zu machen, daß sie, unversehens aufgefordert zu lesen, immer untadelhaft vom Kaiser erfunden wurden. Mit seinem Finger aber oder mit ausgestrecktem Stabe oder durch jemand, den er von seiner Seite an ferner Sitzende schickte, bezeichnete Karl den, der verlesen sollte. Das Ende der Verlesung gab er mit einem leisen Räuspern an. Darauf horchten sie insgemein so angespannt, daß der neue Vorleser , mochte der König nun am Ende eines Satzes oder mitten darin sein Zeichen geben, sich nie unterstand, weiter oben oder unten anzufangen, so wenig passend ihm auch Anfang oder Ende scheinen wollte. So kam es, daß alle in seiner Pfalz, auch wenn sie es nicht immer verstanden, gut lesen konnten. Kein Fremder, aber auch kein Bekannter, der nicht zu lesen und zu singen wußte, wagte es, sich unter seine Geistlichkeit zu stellen.

 

8.

 

EINMAL auf einer Reise kam Karl in eine große Kirche, und da trat doch gerade ein fahrender Priester. der Karls gute Zucht nicht kannte, unter die Geistlichkeit. Er hatte aber niemals etwas dergleichen gelernt und stand nun stumm und dumm mitten unter den Sängern. Gegen ihn erhob der Vorsänger seinen Stab und drohte ihm Schläge, wenn er nicht sänge. Der wußte nicht, was er tun oder wohin er sich wenden sollte, wagte auch nicht hinauszugehen: so drehte er seinen Kopf im Kreise herum, sperrte seinen Mund weit auf und versuchte, so gut er es konnte, die Haltung der Singenden nachzumachen.

Alle konnten darob ihr Lachen nicht halten, nur der tapfere Kaiser, den auch größere Dinge nicht aus der Fassung brachten, tat, als fielen ihm die Gesten dieses Sängers nicht weiter auf, und erwartete in aller Ordnung das Ende der Messe. Hinterher aber rief er den armen Menschen zu sich, denn ihn dauerten seine Anstrengungen und Verlegenheit, und tröstete ihn so: "Hab vielen Dank, guter Mann, für deinen Gesang und deine Mühen!" Dann ließ er ihm ein Pfund Silbers reichen, um ihm in seiner Armut zu helfen.

 

9.

DAMIT es jedoch nicht so aussieht, als vergäße ich den Alkuin oder wollte nicht von ihm reden: darin habe ich alle seine Arbeit und sein Verdienst wahr erkannt, daß von seinen Schülern niemand zurückblieb, der nicht ein heiliger Abt oder berühmter Bischof geworden wäre. Bei ihm wurde ja auch mein Herr Grimald, zuerst in Gallien, dann in Italien in die Wissenschaften eingeführt. Damit mich aber, wer diese Verhältnisse genauer kennt, nicht Lügen strafe, da ich ja niemand ausgenommen habe: es gab in seiner Schule zwei Müllerssöhne aus den Leuten des heiligen Kolumban. Sie konnte man schlecht in so .hohe Ämter setzen wie in die Verwaltung von Bistümern oder Abteien; aber sie haben doch, wie man glaubt dank ihren Lehrern, die Propstei des Klosters Bobbio einer nach dem andern treu und fleißig verwaltet. 

So sah der ruhmreiche Karl in seinem ganzen Reiche die wissenschaftlichen Studien blühen, aber es schmerzte ihn doch, daß er die Reife der alten Kirchenväter nicht erreichen konnte. Und so rief er einmal verdrießlich - seine Anstrengungen gingen ja über menschliche Kraft -: "Ach, hätte ich zwölf solcher Geistlichen, so gelehrt und in aller Weisheit so vollendet gerüstet, wie es Hieronymus und Augustin waren!" Der gelehrte Alkuin, der sich mit Recht im Vergleich zu jenen für sehr ungelehrt hielt, geriet in großen Unwillen und {was kein Sterblicher sonst vor dem gefürchteten Karl zu wagen sich unterfangen hätte) ließ es sich gleichwohl ein wenig merken und antwortete: "Der Schöpfer des Himmels und der Erde hatte nicht mehr von ihrer Art, und du willst ihrer gleich zwölf haben ?"

 

10.

HIER glaube ich, muß ich noch etwas erzählen, was freilich die Menschen unserer Zeit schwerlich glauben werden, zumal ich selbst, der ich es schreibe, es kaum glauben kann wegen der allzu großen Verschiedenheit unseres Kirchengesanges von dem der Römer. Doch muß man der Wahrhaftigkeit der Väter mehr glauben als der falschen Nichtsnutzigkeit von heute.

Also: Karl, unermüdlich tätig im Dienste Gottes, war zwar froh, sich - soweit es nämlich möglich war, war die Kenntnis der Wissenschaften verbreitet - am Ziele seiner Wünsche zu sehen, aber es schmerzte ihn doch, daß alle Provinzen, ja alle Gaue und Städte im Lobe Gottes, das ist in den Melodien des Kirchengesanges, noch voneinander abwichen. Darum traf er dafür Sorge, sich vom Papst Stefan seliger Gedächtnis (demselben, der den ganz untüchtigen Frankenkönig Childerich hatte absetzen und kahl scheren lassen und Karl selbst zur Leitung des Reiches nach alter Väter Weise gesalbt hatte) ein paar im Kirchengesang wohl erfahrene Geistliche zu verschaffen. Der Papst, dem Karls guter Wille und sein von Gott ihm eingegebener Eifer wohlgefielen, sandte ihm nach der Zahl der Apostel vom apostolischen Stuhl zwölf des Kirchengesanges wohlgeübte Geistliche nach Frankenland. Wenn ich aber dann und wann Frankenland sage, so meine ich damit alle Länder diesseits der Alpen. Denn, wie geschrieben steht: "Zu der Zeit werden zehn Männer aus allerlei Sprachen der Heiden einen jüdischen Mann demütig beim Saum des Kleides ergreifen", so dünkten sich zu jener Zeit wegen der Herrlichkeit des glorreichen Karl die Gallier, Aquitanier, Häduer, Spanier, Alemannen und Bayern nicht wenig geehrt, wenn sie sich mit dem Namen der wilden Franken nennen durften.

Als nun die eben erwähnten Geistlichen Rom verließen, berieten sie sich untereinander - wie denn immer alle Griechen und Römer von Neid auf den Ruhm der Franken geplagt wurden - wie sie den Gesang so verschieden lehren könnten, daß niemand je in Karls Reich und Land an Einheit und Einklang des Gesanges sich erfreuen sollte. Sie kamen zu Karl, wurden mit allen Ehren aufgenommen und in die bedeutendsten Orte verteilt. Und sie bemühten sich, ein jeder an seinem Ort, so verschieden und un- richtig, wie sie es sich nur ausdenken konnten, selbst zu singen und andere zu lehren.

Aber der kluge Karl feierte in dem einen Jahre das Fest der Geburt und der Erscheinung des Herrn in Trier oder Metz und achtete dabei aufmerksam und mit Fleiß auf die Eigenart jedes Liedes, oder vielmehr: durchdrang sie; und beging im folgenden Jahre dasselbe Fest zu Paris oder Tours und hörte dort keins von jenen Liedern, die er das Jahr zuvor in den erwähnten Orten wahrgenommen hatte. Ja noch mehr: er merkte, daß auch die, welche er in die anderen Städte geschickt hatte; je länger je mehr voneinander abwichen, und trug nun dem Papst Leo heiliger Gedächtnis, dem Nachfolger Stefans, die Sache vor. Der rief die Sänger nach Rom zurück und bestrafte sie mit Verbannung oder ewigem Zuchthaus und ließ dem erlauchten Karl sagen: "Auch wenn ich dir nun wieder andere verschaffe, so lassen sie doch, gleich wie die früheren von Neide verblendet, nicht davon, mit dir ihr Spiel zu treiben. Aber ich denke auf diese Art deinen Bemühungen Genüge zu tun: gib mir von deiner Seite zwei begabte Geistliche, und sie sollen (so Gott will und meine Landsleute es nicht merken, daß sie zu dir gehören) in dieser Sache solche Vollkommenheit erlangen, wie du es wünschest." Und so geschah es. Und siehe, bald hernach schickte er sie wohlausgebildet an Karl zurück.

Einen behielt er bei sich, und den andern schickte er auf Verlangen seines Sohnes Truogo, Bischofs von Metz, an dessen Kirche. Dieses Mannes Arbeit trug nicht nur dort reiche Frucht, sondern dehnte sich allmählich sogar über ganz Frankenland so sehr aus, daß noch jetzt bei denen, die hierzulande lateinisch sprechen, der Kirchengesang Mettensisch genannt wird. Bei uns aber, die wir teutonisch oder deutsch sprechen, heißt er Mette, oder nach einer griechischen Ableitung mit einem gebräuchlichen Namen Mettisca.

 

11.

KARL war fromm und mäßig und hatte die Gewohnheit, während der vierzig Tage Fastenzeit zur siebenten Stunde des Tages zu essen, nachdem man Messe und Vesper zugleich gefeiert hatte. Dann brach er nämlich doch nicht das Fastengebot, da er nach der Vorschrift des Herrn nur von einem Stundenschlag zum nächsten aß. Deswegen tadelte ihn unbedacht ein Bischof, gegen das Gebot des Weisen allzu gerecht und allzu töricht. Doch der weise Karl ließ sich seinen Unwillen nicht merken, nur nahm er seinen demütigenden Vorwurf mit den Worten an: "Du konntest mich gut tadeln, du fröhlich dicker Bischof; jetzt aber sollst du einmal nichts essen, bis die letzten Diener, die an meinem Hofe sind, sich zu Tische setzen." Ja, wenn Karl aß, bedienten ihn Herzöge, Fürsten oder Könige verschiedener Völker .War er fertig und saßen sie bei Tisch, so warteten ihnen Grafen, Statthalter oder verschiedene hohe Würdenträger sonst auf. Und waren sie zu Ende damit, dann speisten die Ritter und die Palastwachen. Nach ihnen aller Arten Beamte, dann die Diener und endlich die Bedienten dieser Diener, so daß die letzten nicht vor Mitternacht zum Essen kamen.

Die vierzig Fastentage waren bald zu Ende, und immer noch mußte der vorlaute Bischof bei solcher Strafe ausharren, bis ihn der milde Karl anredete: ,Jetzt, glaube ich, verstehst du wohl, Bischof, daß ich nicht aus Unmäßigkeit, sondern aus Fürsorge für alle auch in der Fastenzeit vor der Abendstunde mein Mahl halte!"

 

12.

EINEN andern Bischof bat er einst um den Segen. Der schlug auch ein Kreuz über dem Brot, aber nahm sich zuerst davon und wollte es dann dem erlauchten Karl reichen. Aber er: "Behalte das ganze Brot für dich!" So beschämte er ihn und wollte seinen Segen nicht mehr.

 

13.

KARL ließ vorsichtigerweise keinem seiner Grafen mehr als eine Grafschaft, außer denen, die in der Nähe oder gleich an der Grenze der Barbaren saßen. Keinem Bischof erlaubte er eine Abtei oder Kirche, wenn sie königlichem Recht unterstand, höchstens gelegentlich aus ganz bestimmten Gründen. Als seine Ratgeber und Vertrauten ihn fragten, warum er das tue, antwortete er: "Mit diesem Gute oder Hofe da, mit dieser Abtei oder Kirche gewinne ich mir einen treuen Vasallen mehr, ebenso tüchtig oder noch besser als der Bischof oder Graf dort."

Aus bestimmten Gründen gab er aber doch einigen sehr viele solcher Ehren, so dem Udalrich, dem Bruder der großen Hildegard, die Mutter war über Kaiser und Könige. Als ihn nach dem Tode der Hildegard Karl wegen eines Vergehens seiner Ehren entsetzte, machte irgendein Spielmann auf ihn diesen Vers und rief ihn vor den Ohren des milden Karl: "Nun hat Udalrich verloren alle seine Ehren in Ost und West, seit seine Schwester starb."

Bei diesen Worten kamen Karl die Tränen, und er ließ ihn gleich in seine alten Ehren wieder einsetzen. Auch gegen die heiligen Stätten öffnete er weit seine freigebige Hand nach seiner Gerechtigkeit, wie aus dem folgenden ersichtlich ist.

 

14.

AUF seinen Reisen lag Karl einmal ein Bistum zu sehr im Wege, als daß er es hätte vermeiden können. Der Bischof dort, der eifrig war, es dem Kaiser stets recht zu machen, verbrauchte zu seinem Dienst alles, was er hatte.

Als nun eines Tages der Kaiser unerwartet ankam, geriet der Bischof in Aufregung, eilte wie eine Schwalbe bald hier- bald dorthin, ließ Kirchen und Häuser und Höfe, ja sogar die Straßen fegen und säubern und zog ihm dann entgegen, ziemlich abgespannt und ein wenig verdrießlich.

Der fromme Karl merkte das wohl. Er ließ seine Augen in alle Richtungen schweifen und musterte alles einzeln. Dann sagte er zu dem Bischof: "Du bist doch der beste Wirt: immer läßt du alles zu unserm Eintritt sauber herrichten."

Wie von göttlicher Stimme angeredet, erzitterte der Bischof, faßte des Kaisers nie besiegte Rechte, küßte sie und sprach, seinen Unwillen, so gut er konnte, verbergend: "Es ist recht so, Herr, daß, wohin Ihr kommt, alles bis auf den Grund geleert wird."

Da antwortete Karl, der weiseste der Könige, aus dem einen das andere schließend: "Weiß ich auszuleeren, so hab ich auch gelernt wieder zu füllen", und fügte hinzu: "Nimm das königliche Gut, das deinem Bistum am nächsten liegt; alle deine Nachfolger sollen es behalten bis in die Jahrhunderte!"

 

15.

AUF dieser Reise kam Karl unerwartet noch zu einem anderen Bischof, dessen Stadt auch nicht zu vermeiden war. Weil es gerade Freitag war, wollte er kein Fleisch von vierfüßigen Tieren oder von Vögeln essen, Fische aber konnte der Bischof bei der Lage der Stadt nicht gleich beschaffen. Daher ließ er sehr guten, vor lauter Fett ganz gelben Käse auftragen. Karl, überall und in allen Stücken mäßig, verlangte nichts anderes aus Rücksicht auf den Wirt, sondern nahm sein Messer, schnitt die Rinde weg, die ihm abscheulich vorkam, und aß von dem Weißen des Käses. Aber der Bischof, der neben ihm stand, ihn zu bedienen, trat hinzu und fragte: "Warum tust du das, Herr Kaiser ? Denn was du wegwirfst, ist gerade das Beste."

Karl, der selbst niemand betrügen konnte und glaubte, von niemand je angeführt zu werden, nahm nach dem Rat des Bischofs ein Stück von der Rinde in den Mund und schluckte es langsam kauend wie Butter hinunter . Des Bischofs Rat mußte er loben: "Du hast recht, guter Wirt", und fügte hinzu: "Versäume doch nicht, mir jedes Jahr zwei Fuder solcher Käse nach Aachen zu schicken."

Der Bischof, bestürzt über die Unmöglichkeit der Sache, glaubte seine Stellung und sein Amt schon in Gefahr und hielt ihm entgegen: "Herr, Käse kann ich wohl besorgen, aber ich weiß nicht, welche so und welche anders sind. So fürchte ich, daß ich tadelhaft erfunden werde vor Euch." Karl, dem auch Ungewohntes und Unbekanntes nicht entgehen oder verborgen bleiben konnte, sagte dem Bischof, der bei solchem Geschäft groß geworden war und doch nichts davon verstand: "Schneide alle in der Mitte durch, und welche du für gut befindest, die füge mit einem spitzen Stäbchen wieder zusammen, tu sie in ein Faß und sende sie mir. Die andern aber behalte für dich, für deine Geistlichkeit und dein Hausgesinde."

So ging das zwei Jahre, und der König nahm diese Gaben an, ohne sich das Geringste merken zu lassen. Im dritten Jahre aber kam der Bischof gar selbst, um, was mit solcher Mühe und aus so weiter Ferne herangefahren wurde, persönlich darzubieten. Da hatte Karl in seinem Gefühl für Billigkeit Mitleid mit des Bischofs Sorgen und Mühen und gab ihm zu seinem Bistum einen schönen Meierhof, von wo er und seine Nachfolger Getreide und Wein immer zu ihrem Bedarf beziehen konnten.

 

16.

DA ich nun erzählt habe, wie der weise Karl die De- mütigen erhöhte, will ich auch berichten, wie er die Hochmütigen erniedrigte. Es war da ein Bischof, der sehr nach Ruhm und eitlen Dingen trachtete. Karl merkte das wohl mit seinem scharfen Blick und trug deshalb einem jüdischen Kaufmann, der oft ins Land der Verheißung reiste und von dort übers Meer viele unbekannte Kostbarkeiten mitbrachte, auf, diesen Bischof anzuführen, wie er nur könne, und so lächerlich zu machen. Der fing sich eine gewöhnliche Maus, bereitete sie mit verschiedenen Spezereien zu und bot sie dem Bischof zum Kauf an: aus Judäa, sagte er, habe er dies sehr wertvolle und noch nie gesehene Tier mitgebracht. Da freute sich der Bischof sehr über das seltene Ding und bot ihm drei Pfund Silbers, um diese Kostbarkeit zu erwerben. Der Jude sagte: "Ein schöner Preis für ein so kostbares Stück! Eher werfe ich es ins tiefe Meer, als daß es ein Mensch um einen so feilen und schändlichen Preis kriegen soll."

Der Bischof, der reich war, aber nie den Armen etwas gegeben hatte, versprach ihm zehn Pfund, um dies unvergleichliche Tierchen zu eigen zu bekommen. Der listige Jude tat entrüstet: "Das verhüte der Gott Abrahams, daß ich so meine Mühe und den weiten Weg umsonst gehabt habe!" Der geizige Bischof, so versessen auf das teure Ding, bot ihm zwanzig Pfund. Der Jude aber packte die Maus in ein kostbares seidnes Tuch und wollte ärgerlich gehen. Doch der Bischof, gleichsam enttäuscht - aber in Wahrheit sollte er erst noch gehörig getäuscht werden - rief ihn zurück und gab ihm ein volles Maß Silbers, um ja dies teure Ding an sich zu bringen. Der Kaufmann ließ sich erst noch mit vielen Bitten angehen, dann willigte er schließlich nur langsam ein.

Ein paar Tage später berief der König alle Bischöfe und Großen dieser Provinz zu einer Besprechung. Man verhandelte vielerlei Notwendiges, dann ließ er jenes Silber alles hereinbringen und mitten in den Saal legen, und redete so zu ihnen: "Ihr Väter und Vormünder unseres Bistums, ihr solltet doch den Armen, oder vielmehr Christus in ihnen dienen und nicht nach unnützen Dingen trachten. Nun habt ihr alles ins Gegenteil verkehrt und ergebt euch leerer Eitelkeit und Habgier mehr als alle Menschen." Und fuhr fort: "Einer von euch hat diese Menge Silbers einem Juden gegeben für eine ganz gewöhnliche angestrichene Maus."

Der aber durch solchen Streich genarrt war, stürzte ihm zu Füßen und flehte um Verzeihung für sein Vergehen. Karl, der ihn durch diesen wohlverdienten Tadel zurechtgewiesen hatte, ließ ihn beschämt von dannen gehen.

 

17.

DERSELBE Bischof blieb, als der streitbare Karl im Hunnenkrieg beschäftigt war, zum Schutze der glorreichen Hildegard daheim. Ihre Vertraulichkeit machte ihm Mut, und er verstieg sich zu solcher Dreistigkeit, daß er eines guten Tages den goldenen Stab des unvergleichlichen Karl - er hatte ihn sich passend zu seiner Größe machen lassen, um ihn an Festtagen zu tragen - sich frech zum Bischofstabe ausbat. Listig hielt ihn die Königin hin und sagte, sie wage nicht, ihn irgend jemand zu geben, aber sie wolle seiner Sache eine getreue Fürsprecherin sein.

Als Karl zurück war, trug sie ihm scherzend vor, was der törichte Bischof von ihr begehrt hatte. Höchst ergötzt ging er auf ihre Bitte ein und versprach sogar, noch mehr zu tun.

Und als nun fast ganz Europa sich um Karl zur Feier seines Triumphes über dies mächtige Volk versammelt hatte, verkündete er vor den Ohren von hoch und niedrig : "Die Bischöfe sollten Verächter dieser Welt sein und andern ein Beispiel geben, nach dem Reiche Gottes zu trachten. Nun aber hat sie vor allen Menschen solche Sucht zu glänzen befallen, daß einer von ihnen, nicht zufrieden mit seinem Bistum, das er in der ersten Stadt Deutschlands inne hat, sich unser goldenes Scepter, das wir zum Zeichen unserer Würde tragen, ohne unser Wissen zu seinem Hirtenstabe zu verschaffen trachtete."

Der Schuldige erkannte seine Schuld, erlangte Gnade und ging fort.

 

18.

GAR sehr befürchte ich, Herr Kaiser Karl, daß ich, wenn ich Euren Befehl zu erfüllen trachte, aller Stände und besonders der hohen Geistlichkeit Ärgernis begegne. Aber um alle diese Dinge soll meine Sorge nicht groß sein, wenn mich nur Euer Schutz nicht verläßt.

Einmal verfügte der fromme Kaiser Karl: alle Bischöfe in seinem ganzen weiten Reich sollten bis zu einem von ihm bestimmten Tage in dem Dom ihres bischöflichen Sitzes predigen, oder wer das nicht täte, sollte seiner bischöflichen Ehre verlustig gehen. Aber was sage ich "Ehre", da doch der Apostel dartut: "So jemand ein Bischofsamt begehret, der begehret ein köstlich Werk." Doch will ich Euch, erlauchter König, nur die Wahrheit gestehen, ganz im geheimen: daß man freilich dabei nach großer Ehre, nach köstlichen Werken aber nicht im mindesten trachtet.

Also der Bischof, von dem ich schon früher erzählte, erschrak zunächst über solche Verfügung, da er nichts anderes wußte, als in Üppigkeit und Hoffart zu schwelgen. Denn er fürchtete, daß er, wenn er sein Bistum nicht mehr hätte, gleicherweise auch sein Wohlleben aufgeben müßte. Darum lud er sich zwei vornehme Herren vom Hofe an einem Sonntage ein und stieg, als das Evangelium verlesen war, auf die Kanzel, als ob er zum Volk predigen wollte. Zu diesem ungewöhnlichen Schauspiel liefen natürlich alle voll Staunen zusammen, nur einer blieb an seinem Platze, ein armer Mensch mit brennend rotem Haar, der, weil er keinen Hut hatte und sich seiner Haare gar zu sehr schämte, eine Mütze auf dem Kopf trug. Da rief jener - nur dem Namen nach, nicht in Wahrheit Bischof - seinem Türwächter oder Schergen zu (Männer dieser Würde und dieses Amtes nannten die alten Römer aedilicii): "Ruf mir doch den Mann da mit der Mütze, der an der Kirchentüre steht!" Der eilte, seines Herren Auftrag auszurichten, ergriff den Armen und begann ihn vor den Bischof zu schleppen. Der Rothaarige aber hatte Angst, er möchte hart gestraft werden, weil er sich unterstanden hatte, bedeckten Hauptes im Gotteshaus zu stehen, und setzte sich mit aller Kraft zur Wehr, gleich als sollte er vor das Gericht des strengsten Richters gebracht werden.

Der Bischof sah von oben herab zu, rief bald seinem Diener, bald schrie er den Unglücklichen an, und hielt so seine Predigt mit lauter Stimme: "Schaff mir den Menschen her! Laß ihn nur nicht los! Du magst wollen oder nicht: du mußt hierher!" Und als er nun endlich, der Gewalt und Angst unterliegend, herankam, sagte der Bischof: "Tritt näher, noch näher!" Dann riß er ihm die Kappe ab und verkündete dem Volke: "Hier, seht ihr wohl: der Dummkopf hat rote Haare." Und wandte sich wieder zum Altar und hielt das Hochamt oder tat wenigstens so.

Und als so die Messe zu Ende war, traten sie, der Bischof und die beiden Hofleute, in seinen Saal ein, der schön mit bunten Teppichen und mancherlei Vorhängen geschmückt war. Dort wartete ihrer auf goldenen und silbernen Schüsseln und in Gefäßen, mit Edelsteinen verziert, ein gar herrliches Mahl, das auch den vermocht hätte, danach zu begehren, der aus Übersättigung schon mit Ekel und Übelkeit zu kämpfen hatte. Der Bischof selbst saß auf weichen Polstern, angetan mit kostbarer Seide und kaiserlichem Purpur, so daß ihm nur noch das Scepter und der königliche Name fehlten. Ihn umgab eine Schar glänzender Ritter, im Vergleich zu denen die beiden Hofleute - und sie waren doch Edle des niebesiegten Karl - sich selbst armselig vorkamen.

Nach diesem wunderbar reichen Mahl, dergleichen auch bei Königen nicht häufig ist, baten die Herren um Urlaub. Aber der Bischof ließ, um ihnen seine Pracht und Herrlichkeit noch mehr zu zeigen, die kunstreichsten Sänger kommen mit Instrumenten aller Art, bei deren Klang und Schall auch das wildeste Herz ruhig wird und die raschen Fluten des Rheines verweilen. Weine aber gab es die verschiedensten Arten, mit allerlei Würzen und Spezereien gemischt, mit Kräutern und Blumen bekränzt: sie fingen den Glanz der Edelsteine und des Goldes auf und strahlten ihren roten Widerschein auf sie zurück. Doch sie wurden schal in ihren Händen : ihre Mägen waren ja übervoll. Unterdessen bereiteten die Bäcker und Fleischer, die Köche und Hühnermäster für die vollen Bäuche mit allen ausgesuchten Künsten neue Reize, Leckerbissen aller Art - wie solches Mahl für den großen Karl nie angestellt wurde.

Am andern Morgen, als der Bischof wieder leidlich nüchtern war, sah er die große Verschwendung, die er tags zuvor vor den Dienstmannen des Kaisers ausgebreitet hatte, nur mit Schrecken. Er ließ sie noch einmal zu sich kommen, beschenkte sie königlich und beschwor sie, sie wollten belieben, von ihm nur Gutes und Schickliches beim strengen Karl zu erzählen und vor allem, daß er öffentlich in ihrer Gegenwart im Dom gepredigt habe. Und als nun bei der Heimkehr der Kaiser sie fragte, warum der Bischof sie habe kommen lassen, fielen sie ihm zu Füßen und sprachen: "Herr, um uns in Eurem Namen, mehr als uns Geringen zukommt, zu ehren" - und fügten hinzu: "Gar treu ist Euch und allen Euren Leuten dieser treffliche Bischof und des höchsten Priestertumes wert. Denn, wenn Ihr unserer Niedrigkeit zu glauben geruht, so versichern wir Eurer Erhabenheit, daß wir ihn laut haben predigen hören."

Als der Kaiser, der des Bischofs Unwissenheit wohl kannte, sie nach der Art der Predigt fragte, wagten sie nicht, ihn zu belügen und entdeckten ihm alles nach der Reihe. Da sah er ein, daß der Bischof aus Angst vor ihm lieber irgend etwas hatte daherreden wollen, als seinem Gebot zuwider sein, und ließ ihm sein Bistum, auch wenn er es nicht ganz verdiente.

 


19.

NICHT lange Zeit später sang an einem Sonntag ein junger Mann, ein Verwandter des Königs, sehr schön das Halleluja. Da meinte der Kaiser zu dem Bischof - demselben wie vorhin -: "Da hat unser Geistlicher aber schön gesungen."

Der Bischof nahm das in seiner Dummheit als Scherz, wußte auch nicht, daß der junge Mann mit dem Kaiser verwandt sei, und sagte drum: "So etwas kann jeder Bauernjunge seinen Ochsen am Pfluge vorgähnen."

Auf diese unverschämte Antwort sah ihn der Kaiser mit blitzenden Augen an, daß er zu Boden fiel, wie betäubt.

 

20.

ES war in einem kleinen Städtchen ein anderer Bischof, der wollte noch bei seinen Lebzeiten nicht wie die Apostel und Märtyrer als Vermittler zu Gott angesehen, sondern selbst göttlich verehrt werden. Solchen Hochmut suchte er aber dergestalt zu verbergen, daß er sich nur einen Heiligen Gottes nennen ließ, damit er nicht allen wie die Götzen der Heiden verabscheuenswert schiene.

Er hatte da einen Vasallen, der unter seinen Mitbürgern wohl angesehen, dabei sehr tüchtig und fleißig war. Und doch gönnte ihm der Bischof (was sage ich) kein Lehen, nein nicht einmal gelegentlich ein freundliches Wort. Der wußte nicht, was er tun sollte, um seines Herren unsanften Sinn zu versöhnen; dann aber kam er auf den Gedanken, wenn er vorgäbe, ein Wunder im Namen des Bischofs getan zu haben, so könne er wohl zu seiner Gunst gelangen.

Als er nun einmal von Haus zum Bischof reiten wollte, nahm er zwei Hunde zur Hand, die man auf gallisch Windhunde nennt und die in ihrer Schnelligkeit Füchse und andere kleinere Tiere leicht erjagen, auch Wachteln und anderes Geflügel in schnellem Ansprung oft erhaschen. Und als er auf dem Wege einen Fuchs auf Mäuse lauern sah, gab er plötzlich lautlos die Hunde gegen ihn frei. Die liefen im schnellen Lauf hinterdrein und hatten ihn in Pfeilschußweite gepackt. Unser Mann selbst folgte ihnen Hals über Kopf und entriß den Fuchs lebendig und heil den Zähnen und Klauen der Hunde. Die Hunde aber verbarg er, wo er gerade konnte, und ging stolz mit diesem Geschenk zu seinem Herrn und begann demütig: "Sieh, Herr, was ich armer Mensch für ein Geschenk mir verschafft habe!" Der Bischof, ein wenig lächelnd, fragte ihn, wie er das Tier so heil habe fangen können. Der ging näher, schwur beim Heile dieses seines Herren, er wolle ihm die Wahrheit nicht verbergen, und sprach: "Herr, ich ritt über Land und sah nicht weit von mir diesen Fuchs und jagte mit losen Zügeln hinter ihm her. Dann, als er hurtig entfloh, daß ich ihn schon kaum mehr sah, erhob ich schnell meine Hand und beschwor ihn: im Namen Rechos, meines Herren, steh und rühr dich nicht weiter! Und siehe, wie mit Ketten gefesselt blieb er auf der Stelle stehen, bis ich ihn wie ein verlassenes Schaf aufhob."

Da sagte der Bischof voll eitlen Hochmuts vor allen: "Nun kommt meine Heiligkeit an den Tag. Nun weiß ich, wer ich bin. Nun erkenne ich, was ich noch sein werde." Seit diesem Tag umgab er den ihm früher Verhaßten mit aller wunderlichen Liebe, mehr als alle seine Vertrauten.

 

21.

DA ich diese Geschichten, weil sich gerade die Gelegenheit dazu bot, hier einstreute, obwohl sie nicht unbedingt zur Sache gehören, so scheint es mir nicht unpassend, auch noch andere Denkwürdigkeiten, die sich damals zutrugen, aufzuzeichnen.

Es war da ein Bischof im neuen Frankenland, von wundersamer Heiligkeit und Unsträflichkeit, auch unvergleichlich mildtätig in frommen Werken. Sein gutes Wesen versetzte den alten Feind, der jede Rechtschaffenheit nur mit Haß sieht, in die größte Wut. Darum gab der Teufel dem Bischof während der vierzig Tage Fastenzeit solches Begehren nach Fleisch ein, daß er glaubte, unverzüglich sterben zu müssen, wenn er sich nicht durch solche Speise wieder kräftigte. Auf das Zureden vieler heiligen und ehrwürdigen Väter und Priester, er möge doch Fleisch zu sich nehmen, um seine Gesundheit wiederherzustellen, und nachher das ganze Jahr in der gewohnten Weise sich kasteien, gab er endlich ihrem Rate nach, um ihnen nicht unfügsam und seinem eigenen Leben schädlich zu erscheinen: so durch äußerste Not gezwungen, steckte er ein kleines Stück Fleisch von einem vierfüßigen Tier in den Mund.

Als er aber anfing es zu kauen und nur so eben den Fleischgeschmack im Munde fühlte, ergriff ihn solcher Ekel und Widerwillen nicht nur gegen Fleisch und andere Speise, sondern auch gegen das Licht des Tages und das Leben und völlige Verzweiflung an seinem Seelenheil, daß er fürderhin weder essen noch trinken wollte und sich nicht mehr getraute, seine Hoffnung auf den Heiland der Sünder zu setzen.

Dies aber geschah in der ersten Woche der vierzig Fastentage. Darum redeten ihm die eben erwähnten Väter zu, da er einsähe, er sei durch teuflischen Trug irre geführt, so möge er doch nicht davon ablassen, durch strengeres Fasten, Zerknirschung und reiche Almosen jene nur augenblickliche Sünde zu durchstreichen, zu mindern oder ganz abzuwaschen. Gutgesinnt, wie er in allen Stücken war, nahm er ihren Rat an: um des Teufels List zuschanden zu machen und bei dem, der Unschuld wiedergeben kann, Gnade für seine Sünde zu erlangen, zermarterte er sich mit zwei- und dreitägigem Fasten, floh die Ruhe des Schlafes, diente Armen und Pilgern täglich in eigener Person, wusch ihnen die Füße, gab ihnen nach Vermögen Kleider und Geld und wollte noch darüber hinaus sich einsetzen: so forderte er am heiligen Ostertag viele, viele Badewannen aus der ganzen Stadt zusammen, ließ von früh bis spät allen Bedürftigen warme Bäder bereiten, schor mit eigner Hand jedem einzelnen den Hals, reinigte mit seinen Fingern die eitrige Räude und ihrer borstigen Körper Struppigkeit und bekleidete sie, rein gewaschen und gesalbt, mit weißen Gewändern wie Neugeborene. Als aber die Sonne sich dem Untergange näherte und niemand mehr übrig war, der solchen Dienstes bedurfte, ging er selbst ins Bad. Heraus kam er mit reinem Gewissen nun und kleidete sich in reinstes Linnen, um, wie es auch die heiligen Bischöfe guthießen, das feierliche Hochamt vor allem Volke zu begehen. Aber auf dem Wege zur Kirche trat ihm noch einmal der listige Widersacher entgegen - er wollte sein Vorhaben zerstören und die Sache so wenden, als ob der Bischof gegen sein Gelübde doch noch einen Armen ungebadet von sich gelassen hätte - in der Gestalt eines überaus ekelhaften und schmutzigen Aussätzigen, in Eiter fast zerfließend, in Lumpen eines Mantels gehüllt, die vor Blut und Eiter starrten, zitternden und wankenden Schritts, allein schon durch die heisere Stimme Mitleid erregend: so begegnete er dem Bischof an der Schwelle der Kirche.

Gleich kehrte der heilige Mann um auf göttliche Eingebung und sollte schließlich in dem Elenden den Feind erkennen, dem er jüngst unterlegen war. Er legte sein weißes Priesterkleid ab, ließ unverzüglich Wasser warm machen und den Armen hineinlegen. Dann nahm er ein Schermesser und begann seinen scheußlichen Hals zu scheren. Als er von dem einen Ohr bis vorn zur Mitte alles weggeschoren hatte, fing er am andern Ohr an und kam wieder zur selben Stelle. Und als er so weit mit Scheren gekommen war, fand er (wunderbar zu sagen!) die Borsten länger wieder gewachsen, als er sie abgeschnitten hatte. Und da dies sich wiederholte und er nicht abließ zu scheren, siehe, da begann unter den Händen des Bischofs - mich schaudert, dies zu erzählen - ein Auge von seltsamer Größe sich mitten im Geäder zu zeigen. Vor solchem scheußlichen Zeichen sprang er entsetzt zurück und bekreuzigte sich laut schreiend in Christi Namen.

Vor dessen Anrufung konnte der böse Feind nicht länger seine List verbergen, verging wie ein Rauch und entschwand mit den Worten: "Dieses Auge hat gewacht und gesehen, als du Fleisch aßest in den Fasten."

 

22.

IN derselben Gegend lebte noch ein anderer Bischof von unvergleichlicher Heiligkeit. Unbedacht und harmlos - er kannte ja das weibliche Geschlecht schon kaum mehr - ließ er des Unterrichts halber junge Nonnen ebenso unbefangen bei sich ein und aus gehen wie alte Priester.

Gerade am Osterfest nach dem Gottesdienst, den er bis über Mitternacht fortgesetzt hatte, gab er sich jenem Elsässer Wein, dem Sigoltsheimer, unbekümmert hin und nahm zugleich mit diesem starken Falerner einer wunderschönen Frau holden Blick und buhlerische Gebärden, ach, zu schwach! in sich auf. Als alle andern fortgegangen waren, rief er sie an sein Bett und nahm sie zu sich - sehr zu seinem Verderben.

Im frühen Morgenschein sprang er hastig auf, badete im Fluß, wie die Heiden glauben, sie könnten sich dadurch von der sündhaften Nacht reinigen. Dann trat er doch noch mit beflecktem Gewissen vor das Auge des wahren Gottes. Der Gesang war vorüber, nun sollte er selbst, wie es sein Amt forderte, den englischen Lobgesang anstimmen - aber vor Entsetzen blieb er stumm, legte seines heiligen Amtes Kleidung auf den Altar und bekannte, zum Volk gewandt, seine Sünde. Dann stürzte er nieder an dem Sockel des Altars und überfloß in unendlichen Tränen.

Aber das Volk drängte ihn aufzustehen und verband sich mit furchtbaren Schwüren, es werde nicht dulden, daß ihm an diesem hohen Feiertage irgend jemand anders als er, ihr Bischof, die Messe zelebrierte, und darum könne er von seinem Platz nicht weichen. Dieser Kampf dauerte fast drei Stunden.

Endlich erbarmte sich die Gnade des Schöpfers über das Gebet des demütigen Volkes und das zerknirschte Herz des Bischofs und bekleidete ihn, der immer noch am Boden lag, wieder mit den Gewändern des Priesters. So stärkte ihn der barmherzige Gott mit der Gewißheit seines Heils, auf daß er weiter seines göttlichen Amtes waltete und sein heiliges Gebot ehrte - ein Beispiel wahrer Reue und eine Mahnung, daß niemand sich in Sicherheit glaube, die nie und nirgends auf dieser Welt beständig ist, sondern eitel immer und überall.

 

23.

IN dem alten Frankenland lebte noch ein Bischof, über alles Maß in Geiz verstrickt. Als nun einmal ein Mißwachs aller Feldfrüchte in einem, Gott sei Dank! seltenen Jahr die ganze Erde heimsuchte, da freute sich dieser geizige Kaufmann über diese äußerste Not aller Sterblichen oder vielmehr schon Sterbenden und ließ seine großen Kornkammern öffnen, um davon teuer zu verkaufen.

Damals kam ein Spukgeist oder Schrat, der ja immer darauf aus ist, mit Schabernack und Spott die Menschen zu äffen, häufig in das Haus eines Schmiedes, um nächtens mit seinen Hämmern und Ambossen zu spielen. Als nun der Hausvater sich und sein Haus mit dem Zeichen des heilbringenden Kreuzes schützen wollte, antwortete ihm der haarichte Gesell: "Gevatter, wenn du mich in deiner Werkstätte meine Kurzweil weiter haben lässest, so stell dein Fläschchen hierher, und du sollst es täglich gefüllt finden."

Der Arme, mehr in Sorge um sein leibliches Wohl als um seiner Seele ewige Verdammnis, tat nach dem Rat des Widersachers. Der nun nahm eine mächtige Flasche, brach in den Keller dieses reichen Schlemmers öfter ein, nahm sich genug und ließ den Rest auf den Boden fließen.

Als dem Bischof schon mehrere Kufen auf diese Art geleert waren, merkte er, daß sie durch Geisterspuk umkamen, besprengte den Keller mit Weihwasser und schützte ihn mit dem Zeichen des unbesiegten Kreuzes. In der Nacht aber kam der Schrat wieder mit der Flasche, und da er die Weinfässer - auf ihnen war ja das heilige Kreuz gemacht - nicht anzurühren wagte und auch nicht entweichen durfte, so wurde er in menschlicher Gestalt gefunden und vom Wächter des Hauses gebunden als Dieb vors Volk gebracht und öffentlich gepeitscht. Unter den Schlägen schrie er nur dies eine: "Weh mir, daß ich meines Gevatters Flasche verlor!"

Diese Geschichte - und sie ist wahr ! - habe ich deswegen vorgebracht, damit man wisse, wem solche abgeleugneten und in den Tagen der Not wohl versteckten Vorräte zugute kommen, und wieviel die Anrufung des göttlichen Namens vermag, auch wenn sie von bösen Menschen geschieht.

 

24.

WÄHREND ich meine Augen zum Haupt der Franken erhebe und die Glieder seines Reiches

mustere, ließ ich die übrigen Völker, hohe und niedere, hinter mir. Jetzt aber will ich zu unsern Nachbarn, den Italienern, kommen, die nur durch eine Bergwand von uns geschieden sind.

Dort lebte ein Bischof, voll Gier nach eitlen Dingen. Das merkte der Teufel und erschien einem armen Mann, dessen einziger Reichtum seine Habsucht war, in menschlicher Gestalt und versprach ihm, er wolle ihn nicht wenig reich machen, wenn er sich ihm durch ein Bündnis für alle Ewigkeit verpflichtete.

Als der Arme ihm seine Zustimmung nicht versagte, riet ihm der listige Feind: "Ich verwandle mich in ein stattliches Maultier; du sitze auf und reite zum Hof des Bischofs! Wenn er aber anfängt, sich auf den Kauf des Tieres zu spitzen, so schleppe die Sache hin, zögere, schlags ihm ab, fordere mehr; tu, als seist du empört; und schicke dich an zu gehen ! Dann muß er hinter dir her schicken und dir sehr viel bieten. Laß ihm dann endlich nach vielen Bitten und für unendlich viel Geld das Tier, gleichsam ungern und erzwungen, mach dich eiligst davon und such dir irgendwo einen Unterschlupf!"

So geschah es, und der Bischof, der nicht bis zum nächsten Tag warten konnte, bestieg gleich in der Mittagsglut das Reittier, ritt stolz durch die Stadt hinaus, um übers Feld dahinzufliegen, und eilte, sich abzukühlen, zum Flusse. Ihm zu Ehren folgte alt und jung und hatte Freude daran, seine Reitkünste zu sehen, und wie das Tier daherjagte und wie ein Delphin schwamm.

Und siehe, der alte Belial, als wollte er Stachel und Zaun nicht dulden, begann, vom wahren Höllenfeuer glühend, hinabzutauchen in den tiefen Strudel und den Bischof nach sich zu ziehen, so daß er nur mit Mühe von Soldaten und Fischern, die gerade in der Nähe auf dem Wasser waren, herausgeholt werden konnte.

 

25.

JA, der in aller List wohlerfahrene Widersacher, der auf dem Wege, da wir gehen, uns immer heimlich

Schlingen legt, läßt nicht davon, den einen durch diese, den andern durch jene Sünde zu Fall zu bringen.

Einem Priester - den Namen Bischof braucht man lieber nicht in solchem Fall - legte man den Vorwurf der Unzucht zur Last. Dies war schon derart ins Gerede der Leute gekommen, daß es auch der Bischof der Bischöfe, der fromme Karl, erfuhr. In seiner Weisheit tat er eine Weile, als wüßte er nicht davon, und wollte dem leeren Gerücht keinen Glauben schenken. Aber

Fama, die nirgends an Schnell'  
ein andres Scheusal besiegt,

war von einer kleinen Meise schon über Adlersgröße angewachsen, so daß man die Sache gar nicht mehr verheimlichen konnte. Da schickte Karl, der strenge Anwalt der Gerechtigkeit, zwei seiner Hofleute aus: sie sollten abends in der Nähe der Stadt einkehren, am andern Morgen in aller Frühe den Priester unerwartet besuchen und ihn auffordern, vor ihnen die Messe zu
lesen. Weigere er sich sehr, so sollten sie ihn im Namen des Kaisers zwingen, in eigener Person die heilige Handlung zu vollziehen.

Der Bischof wußte anfangs nicht, was er tun sollte, da er vor den Augen des himmlischen Richters noch in derselben Nacht gesündigt hatte und andrerseits den Gesandten zuwiderzuhandeln nicht wagte. Aber dann - er fürchtete doch die Menschen mehr als Gott - badete er seine heißen Glieder in eiskaltem Wasser und schickte sich an, das heilige Sakrament zu feiern.

Und siehe: mochte nun das Gewissen sein Herz erschüttern oder das Wasser in seine Adern dringen, er wurde von solchem Frost gepackt, daß keine ärztliche Kunst ihm mehr helfen konnte, sondern das schreckliche Fieber brachte ihm den Tod. So zwang ihn des strengen ewigen Richters Ratschluß, seinen Geist aufzugeben.

 

26.

WERDEN nun viele Menschen durch solche und ähnliche List des Teufels und seiner Helfershelfer betrogen, so ist ein Trost, auf die Worte des Herrn zu schauen, mit denen er das treue Bekenntnis des heiligen Petrus belohnte: "Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeine, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen." Ja, diese Kirche ließ er auch in diesen gefährdeten und leichtfertigen Tagen unerschüttert und unverrückt dauern. Wie nun bei Strebern immer Neid und Scheelsucht wütet, so war es bei den Römern ganz gewöhnlich, daß alle den jeweiligen Papst, war er nur ein Mann von einiger Bedeutung, zeit seines Lebens haßten, ja ihn in Gefahr zu stürzen trachteten.

So verleumdeten ihrer einige, blind vor Neid, den Papst Leo heiliger Gedächtnis, dessen wir schon früher gedachten, eines Vergehens, darauf der Tod stand, und versuchten ihn zu blenden. Aber Gott ließ es nicht zu und schreckte sie so zurück, daß sie ihm nicht die Augen ausreißen konnten, sondern sie ihm nur mit Schermessern mitten durchschnitten. Leo ließ es insgeheim durch vertraute Boten dem Kaiser Michael zu Konstantinopel anzeigen, aber der weigerte ihm seine Hilfe: "Der Papst dort hat sein Reich für sich, und es ist besser im Stand als meines: so mag er sich selbst seine Feinde vom Halse schaffen."

Danach bat der Papst - göttlichem Rate folgend, auf daß der, der in der Tat schon Lenker und Kaiser vieler Völker war, auch den Namen Kaiser und Cäsar und Augustus ruhmvoll aus der Hand des Papstes erhielte - den unbesiegten Karl, nach Rom zu kommen. Karl, stets auf Heerfahrten und im Kriegerkleid, machte sich unverzüglich mit allen seinen Dienern und dem ganzen Troß seiner Krieger auf, obzwar er selber nicht genau wußte, warum er gerufen wurde: er, das Haupt der Welt, zu der Stadt, die einst das Haupt der Welt war .

Als nun das verderbte Volk seine plötzliche Ankunft erfuhr, versteckten sie sich in allen Schlupfwinkeln, in Grabgewölben und unterirdischen Gängen, wie Sperlinge vor dem Menschen sich verbergen, wenn sein Anblick und Ruf sie aufscheucht. Aber sie entgingen seinem fleißigen Suchen und seinem klugen Blick nicht und wurden gefangen und gefesselt in die Kirche des heiligen Petrus gebracht. Hier ergriff der unsträfliche Papst Leo im Angesicht Karls und seiner Krieger und in Gegenwart seiner Verfolger das Evangelium unseres Herrn Jesu Christi, hielt es hoch über sein Haupt und schwur: "So mag ich am Tage des großen Gerichts des Evangeliums teilhaftig sein, wie ich unschuldig des Verbrechens bin; das mir fälschlich diese da vorwerfen." Es waren aber viele unter den Gefesselten, die baten, man möge sie am Grabe des heiligen Petrus schwören lassen, daß sie un- schuldig seien. Aber der Papst, der ihre Verschlagenheit wohl kannte, sprach zu Karl: "Du Unbesiegter des Herrn, ach, laß doch ihre List nicht zu! Denn sie wissen wohl, daß der heilige Petrus am meisten zur Verzeihung geneigt ist. Laß darum lieber unter den Gräbern der Märtyrer die Grabschrift suchen, die dem dreizehnjährigen Knaben Pankratius gesetzt ist: wenn sie dir dort schwören, so magst du vor ihnen ohne Sorge und Angst sein!" Es geschah, wie der Papst wollte. Viele dieser Leute schritten zuversichtlich herzu, die einen prallten starr zurück und lagen auf dem Rücken, die andern, packte der Satan und sie wurden irre. Alsbald sprach der erlauchte Karl zu den Seinen: "Achtet darauf, daß ihrer niemand entkomme!" So ergriff man alle; Karl verurteilte sie zum Tod auf alle Art oder zur Verbannung ohne Rückkehr.

Da er aber dort einige Tage blieb, um sein Heer sich erholen zu lassen, berief der Papst aus den benachbarten Gegenden die Großen, so viel er konnte, versammelte sie und die unbesiegten Gefährten des ruhmreichen Karl bei sich und rief ihn selbst, von ihm am wenigsten erwartet, zum Kaiser und Schutzherrn der römischen Kirche aus. Nein sagen konnte Karl schlecht, weil er es für göttliche Fügung hielt; aber er nahm es auch nicht gerade gern hin, darum, weil er glaubte, die Griechen, nun von größerem Neide brennend, möchten auf den Schaden des Frankenreiches sinnen, ja sie würden sich mit aller Sorgfalt vorsehen, daß nicht, wie man sich damals erzählte, Karl unverhofft käme und ihr Reich dem seinen unterwürfe. Vor allem dachte er so, weil schon früher Gesandte des byzantinischen Königs zu ihm gekommen waren und ihm von ihrem Herrn überbracht hatten: er wolle sein Freund sein und möchte, wenn sie näher beieinander wohnten, ihn an Sohnes Statt hegen und pflegen und ihm in seiner Armut helfen. Da hatte Karl das brennende Feuer in seiner Brust nicht halten können und war in die Worte ausgebrochen: ,,O, daß doch jenes bißchen Meer nicht zwischen uns läge! Dann könnten wir vielleicht uns in die Schätze des Orients teilen oder sie gemeinsam zu gleichen Teilen besitzen!" Das aber pflegen die, die die Armut Afrikas nicht kennen, auch vom König von Afrika zu erzählen.

Die Unschuld des seligen Papstes Leo aber bewies Gott, der Gesundheit gibt und wiedergibt, dadurch, daß er ihm anstatt der grausam weh durchschnittenen Augen klarere gab, als sie zuvor gewesen waren. Nur zierte zum Zeichen seiner Rechtschaffenheit eine schöne Narbe seine Taubenaugen mit weißem Glanze wie ein feiner Faden.


27.

DAMIT nicht aber unwissende Menschen mich der Unwissenheit beschuldigen, weil ich von dem Meere, das der große Kaiser "ein bißchen Meer" nannte, nach seinen eigenen Worten berichtete, es liege zwischen uns und den Griechen, so wisse, wer mag:

Damals saßen da noch die Hunnen und Bulgaren und andere wilde Völker, unberührt und unbesiegt, und wehrten den Landweg nach Griechenland. Doch später schlug sie der kriegerische Karl zu Boden wie das ganze Volk der Slawen und Bulgaren, oder er rottete sie gänzlich aus wie den Stamm und Namen der eisernen und demantenen Hunnen.

Von ihnen werde ich gleich mehr erzählen, wenn ich zuvor in kurzem ein weniges gesagt habe über die Gebäude, welche der erhabene Kaiser Karl bei Aachen nach dem Beispiel des weisen Salomo für Gott und sich und alle Bischöfe, Äbte, Grafen, kurz für alle Gäste, die aus der ganzen Welt zu ihm kamen, in wundersamer Pracht errichtete.

 

28.

ALS der immer tätige Kaiser Karl sich etwas mehr Ruhe gönnen konnte, wollte er doch nicht müßig dasitzen, sondern lieber sich im Dienste Gottes redlich abmühen. So unternahm er es, nach eigenem Plan eine Kirche auf heimatlicher Erde zu bauen, herrlicher als die alten Bauten der Römer, und konnte sich bald am Ziele seiner Wünsche sehen.

Zu diesem Werk berief er aus allen Ländern von diesseits des Meeres Meister und Bauleute aller derartigen Künste. Über sie setzte er einen Abt, den erfahrensten von allen, dies Werk auszuführen - und wußte nicht, daß er ein schlimmer Betrüger war. Denn, wenn der Kaiser einmal fortreiste, ließ er, wen er wollte, frei, natürlich gegen Geld. Die sich aber nicht loskaufen konnten oder von ihren Herren nicht abgelöst wurden, die plagte er, wie einst die Ägypter das Volk Gottes mit bösem Frondienst bedrückten, derart, daß er ihnen nie ein Weilchen Ruhe ließ. Durch solchen Betrug hatte er schon eine unendliche Menge Gold und Silber und seidene Gewänder aufgestapelt und hatte alles von geringem Wert in seinen Kammern aufgehängt, das Kostbare aber in Truhen und Schreinen heimlich verschlossen: da wurde ihm plötzlich gemeldet, sein Haus stehe in Flammen. Eiligst rannte er herzu, brach mitten durch die dichten Flammen in das Gemach, wo die Schreine voll Gold aufbewahrt wurden, und da er nicht mit einem Schrein allein wegwollte, nahm er deren zwei, auf jede Schulter einen, und eilte hinaus. Indem stürzte ein Balken, vom Feuer durchgebrannt, auf ihn und verzehrte seinen Leib mit irdischem Feuer. Seine Seele aber fuhr davon in ewige Flammen.

So wachte das göttliche Gericht für den frommen Karl, wo er selbst, durch Reichsgeschäfte behindert, weniger achtgeben konnte.

 

29.

ES war daselbst noch ein anderer Meister, in aller Arbeit in Erz oder Glas von niemand erreicht. Nun hatte Tanko, ehedem Mönch von St. Gallen, eine sehr schöne Glocke gegossen, deren Ton der Kaiser nicht wenig bewunderte. Da sprach dieser tüchtige, aber unselige Glockenmeister: "Herr Kaiser, laß mir viel Kupfer bringen, daß ich es lauter koche, und anstatt des Zinnes laß mir, so viel nötig ist, Silber geben, mindestens hundert Pfund. Und ich gieße dir eine Glocke, daß diese da im Vergleich zu ihr überhaupt stumm ist."

Karl, der freigebigste aller Könige - dem ja Reichtümer zuströmten, aber er hängte sein Herz nicht an sie - gab leicht den Befehl, alle seine Wünsche zu erfüllen. Jener Elende nahm und ging froh davon. Er schmolz das Erz und läuterte es, tat aber anstatt des Silbers sorgfältig gereinigtes Zinn dazu. So verfertigte er aus dem verfälschten Metall in kurzer Frist eine Glocke, die noch viel schöner war als die vortreffliche des Mönches, prüfte sie und führte sie dem Kaiser vor. Der bewunderte sie genugsam ob ihrer unvergleichlichen Form, befahl einen Klöppel aus Eisen darin anzubringen und sie dann im Glockenturm aufzuhängen.

 

Das geschah ohne Verzug. Nun mühten sich der Küster und die übrigen Kirchner, sowie auch fahrende Schüler, einer nach dem anderen, sie zum Läuten zu bringen. Aber sie brachten es nicht fertig; da ergriff endlich ungeduldig der Meister, der das schöne Werk erschaffen und dabei den unerhörten Betrug ersonnen hatte, den Strick und zog den Glockenstrang. Und siehe: das Eisen brach aus der Mitte heraus, traf seinen schuldigen Scheitel und fuhr durch seinen Leichnam bis auf die Erde samt allen Eingeweiden.

Das erwähnte Gewicht Silbers aber fand man: der gerechte Karl ließ es unter die Bedürftigen der Pfalz verteilen.

 

30.

IN jenen Zeiten war es so Brauch: wo auch immer ein Werk zu tun war auf kaiserliches Gebot- zum Beispiel Brücken oder Schiffe oder Fähren zu bauen und schlammige Straßen zu reinigen, zu pflastern und auszubessern - das hatten die Grafen durch ihre Statthalter und ihre Beamten zu besorgen, wenn es sich lediglich um geringere Arbeiten handelte. Größeren und vor allem neuen Arbeiten jedoch durfte sich kein Herzog und Graf, kein Bischof und Abt irgendwie entziehen. Dessen sind bis auf den heutigen Tag Zeugen die Strombrecher an der Brücke zu Mainz. Sie hat ganz Europa in gemeinsamer, aber wohl verteilter Arbeit vollendet und die Schurkerei von ein paar Bösewichtern zerstört, die sich durch den Fährdienst unbilligen Sold verschaffen wollten.

Galt es Kirchen, die unmittelbar zum königlichen Besitz gehörten, mit Täfelwerk oder Wandgemälden auszuschmücken: das wurde von den nachbarlichen Bischöfen und Äbten besorgt. Waren sie aber neu zu errichten, so mußten alle Bischöfe, Herzöge, Grafen, Äbte und wer sonst königlichen Kirchen vorstand und alle, die ein Lehen vom König hatten, sie vom Fundament bis zum Giebel in emsigster Arbeit aufführen. Das zeigt noch heute jenes Gotteshaus und auch das Kaiserschloß zu Aachen und die Häuser für alle die Menschen aus jedem Stande. Denn diese Bauten waren so rings um die Pfalz des klugen Karl nach seiner Angabe angelegt, daß er selbst durch das Gitterwerk seines Söllers alles sehen konnte, was von den Ein- und Ausgehenden gleichsam heimlich geschah.

Aber auch alle Wohnungen der Vornehmen waren derart von der Erde in die Höhe aufgeführt, daß unter ihnen nicht nur die Lehnsleute seiner Ritter und deren Diener , sondern Leute jeder Art sich vor den Unbilden von Regen und Schnee, vor Kälte und Hitze schützen konnten und trotzdem nicht vor den Augen des scharfsichtigen Karl verborgen waren.

Dieses Gebäudes Beschreibung überlasse ich eingeschlossener Mönch Euren Kanzlern, die sich frei bewegen können, und wende mich dazu, das Gottesgericht, das sich dabei ereignete, zu erzählen.

 

31.

KARL, der für alles sorgte, befahl also einigen Vornehmen aus der Nachbarschaft, mit allem Fleiß für den Unterhalt der Handwerker, die er zu ihnen geschickt hatte, zu sorgen und alles, was sie zum Bau nötig hätten, zu beschaffen. Die aber aus weiten Gegenden gekommen waren, empfahl er der Obhut des Liutfrid, seines Haushofmeisters. Er sollte sie auf öffentliche Kosten nähren und kleiden und stets mit Eifer darauf sehen, daß sie alles zum Bau Nötige erhielten. Solange nun Karl dort residierte, tat er es wirklich einigermaßen; war er aber fort, so wurde er säumig ganz und gar, und solche Summen Geldes brachte dieser Aufseher aus der Drangsal jener Unglücklichen zusammen, daß seinen Mammon Pluto und Dis nicht anders als auf einem großen Kamel zur Hölle bringen konnten.

Das aber wurde so ruchbar bei den Menschen : Der glorreiche Karl trug stets zur Frühmesse ein langschleppendes Gewand, dessen Gebrauch und Name jetzt abgekommen ist. Wenn dann die Morgenhymnen geendigt waren, ging er in seine Kammer zurück und schmückte sich, wie es die Zeit forderte, mit kaiserlichen Gewändern. Seine Geistlichen aber kamen allesamt schon so gekleidet zum Kirchgang - es war vor Tagesgrauen - daß sie entweder in der Kirche oder in der Vorhalle, die man damals den kleinen Hof nannte, den Kaiser auf seinem Weg zur Messe wachend erwarteten, oder wer es nötig hatte, lehnte sein Haupt ein wenig in den Schoß seines Nachbarn. Unter ihnen war einmal auch ein ganz armer Geistlicher, der häufig in das Haus des genannten Liutfrid kam, um seine Kleider, oder besser gesagt: seine Lumpen dort zu waschen und zu flicken, wie es den armen Leuten am Hofe Not ist.

Auf den Knien seines Kameraden war er eingeschlafen und träumte: ein Riese, noch größer als der Widersacher des heiligen Antonius, eilte vom königlichen Hofe her über den Bach, gerade auf das Haus des Liutfrid zu, und zog ein gewaltiges Kamel, mit unschätzbarer Last bepackt, hinüber. Verwundert fragte er- immer noch im Traum - den Riesen, woher er komme und wohin er wolle. Der antwortete: "Vom Hause des Königs nehme ich meinen Weg zum Hause des Liutfrid; ihn will ich oben auf diese Ladung setzen und mitsamt seinen Schätzen in die Hölle schicken."

Über diesem Gesicht erwachte der Geistliche und sehr in Angst, der schreckliche Karl möchte ihn schlafend finden, erhob er bald sein Haupt, ermunterte die andern zum Wachen und erzählte ihnen dieses dabei: "Wenn ihr mögt, hört meinen Traum. Es war mir, als sähe ich jenen Polyphem, der auf der Erde schreitend bis an die hohen Sterne reicht und mitten im Ionischen Meer seine Hüfte nicht benetzt, von des Königs Hof da zum Haus des Liutfrid eilen mit einem hochbeladenen Kamel. Und da ich den Grund dieses Aufzuges nicht wußte, sagte er mir: den Liutfried will ich oben auf diese Ladung setzen und ihn in die Hölle bringen."

Er war noch nicht mit der Erzählung zu Ende, als ein Mädchen, allen wohlbekannt, aus jenem Hause stürzte, ihnen zu Füßen fiel und sie anflehte, sie möchten doch der Seele ihres Freundes Liutfrid im Gebet gedenken. Als sie sie aber fragten, was es damit auf sich hätte, sprach sie : "Liebe Herren, wohl und munter ging er an einen heimlichen Ort, und da er zu lange wegblieb, gingen wir hinaus und fanden ihn tot."

Als sein jäher Tod dem Kaiser gemeldet wurde und nun die Handwerker und die übrigen Hausgenossen ohne Scheu seinen Geiz und seine Habgier an den Tag brachten, ließ er nach seinen Schätzen suchen. Man fand deren eine unschätzbare Menge, und Karl, nächst Gott der gerechteste Richter, der nun wußte, wie unbillig sie zusammengebracht waren, verkündete vor allen: "Nichts von dem, um was dieser Unglückliche andere betrog, kann zu seiner Erlösung dienen. Man verteile es daher an die Bauleute, die an diesem unseren Bau beschäftigt sind, und an die Bedürftigen unserer Pfalz!"

 

32.

ZWEI Geschichten sind hier noch nachzutragen, die sich an demselben Ort ereigneten. Ein Diakon, wie oft die Römer widernatürlich eitel, ging zuvor ins Bad, ließ sich sein Haupt ganz kahl scheren, putzte sorgfältig seine Tonsur, reinigte seine Nägel und schor den Bart ganz kurz, wie mit dem Zirkel gemessen. Dann zog er Leinen und darüber ein glänzend weißes Chorhemd an, und weil er an der Reihe war und es nicht vermeiden konnte, oder vielmehr um desto mehr zu glänzen, erkühnte er sich von selbst dazu, vor dem höchsten Gott und seinen heiligen Engeln im Angesicht des strengen Kaisers und seiner Großen das Evangelium zu verlesen - mit beflecktem Gewissen, wie das folgende zeigt.

Da, während er las, ließ sich eine Spinne von der Decke an ihrem Faden plötzlich herab, traf seinen Kopf mit ihrem Stachel und zog sich schnell wieder nach oben zurück.

Karl sah es genau zum zweiten und dritten Male, aber er tat so, als merkte er es nicht, und ließ es geschehen. Der Geistliche aber wagte nicht, vor den Augen Karls sich mit der Hand zu schützen, zumal er nicht daran dachte, es sei eine Spinne, die ihn plagte, sondern nur Fliegen vermutete. Das Evangelium war zu Ende verlesen, und er erledigte auch noch das Übrige seines Amtes.

Als er aber die Kirche verließ, schwoll sein Kopf an und in einer Stunde war er tot. Der fromme Karl legte sich selbst eine öffentliche Kirchenbuße auf wie des Totschlags schuldig, weil er die Gefahr gesehen, aber nicht verhindert hatte.

 

 

33.

ES hatte der glorreiche Karl noch einen Geistlichen in seinem Gefolge, unvergleichlich in allen Stücken.

Von ihm erzählt man sich, was man sonst selten von einem Menschen sagt, daß er in der Kenntnis der weltlichen und göttlichen Wissenschaften, des kirchlichen und heiteren Gesanges und in der Erfindung neuer Gedichte und Melodien und noch dazu durch die süße Fülle und unschätzbare Anmut seiner Stimme alle anderen übertraf. Denn selbst der Stifter des Gesetzes, der doch durch göttliche Unterweisung alle Weisheit besaß, klagte über die Schwäche seiner Stimme und das Hindernis seiner schweren Zunge und schickte seinen Jünger - in ihm wohnte Gott und gab ihm die Macht, den himmlischen Elementen zu gebieten - zu Eleazar, ihn um Rat zu fragen. Und unser Herr Christus hat sogar den, von dem er bezeugte : "Unter allen, die vom Weibe geboren sind, ist nicht aufgekommen, der größer sei", in diesem Leben kein Wunder tun lassen. Und ihn, dem er sich selbst durch die Offenbarung des Vaters zu erkennen gab und dem er die Schlüssel des Himmelreiches schenkte, ließ er die Weisheit des Paulus bewundern. Und er hat es geschehen lassen, daß der Jünger, den er mehr als die anderen liebte, in solche Verzagtheit fiel, daß er es nicht über sich brachte, das Grab des Herren zu besuchen, wo doch schwache Frauen oft hingingen.

Diese alle haben, wie geschrieben steht: "Wer da hat, dem wird gegeben", nie vergessen, von wem sie ihre Gaben hatten, und haben darum auch das erlangt, was ihnen noch fehlte.

Jener Geistliche aber, der wohl nicht wußte, woher er seine Gaben hatte, oder, wenn er es doch wußte, dem Geber aller Gaben keinen würdigen Dank gab, verlor darum alles miteinander. Denn als er einmal als Vertrauter Karls in der Nähe des glorreichen Kaisers stand, war er auf einmal nicht mehr da. Der nie besiegte Karl, ob solchen unerhörten und unglaublichen Vorgangs entsetzt, bekreuzigte sich und fand an der Stelle, wo jener Unglückliche zuvor gestanden hatte, etwas, das aussah wie graue und eben erloschene Kohle.

 

34.

JENES langschleppende Nachtgewand des Kaisers hält uns von seinem kurzen Kriegsrock noch zurück. Der alten Franken Schmuck und Tracht war dies: Schuhwerk, außen mit Gold beschlagen und mit Riemen von drei Ellen Länge versehen, scharlachne Binden um die Beine und darunter leinene Hosen, gleichsam von derselben Farbe, aber durch kunstvolle Arbeit unterschieden. Darüber und über die Binden zogen sich kreuzweise innen und außen, vorn und hinten jene langen Schnüre. Dann ein Hemd aus glänzendem Leinen und darüber das Schwertgehenk geknüpft. Das Schwert wurde erstlich durch eine Scheide, zweitens durch irgend welches Leder, drittens durch glänzend weißes und mit Wachs gestärktes Leinen derart umgeben, daß es mit seinen mitten darauf glänzenden Kreuzchen immer dauerhaft blieb zum Verderben der Heiden. Das letzte Stück ihres Anzugs war ein grauer oder blauer Mantel, viereckig und doppelt, so geformt, daß er, über die Schulter gelegt, vorn und hinten die Füße berührte, an den Seiten aber kaum die Knie bedeckte. Dann trugen sie in ihrer Rechten einen Stab aus Apfelholz, schön anzusehn, mit gleichmäßigen Knoten, stark und würdig und mit einem Handgriff mit erhabener Arbeit in Gold und Silber geschmückt. In dieser Tracht habe ich langsamer Mensch, fast schwerfälliger als eine Schildkröte, der ich nie ins Frankenland kam, das Haupt der Franken im Kloster des heiligen Gallus strahlen sehen und zwei goldlockige Früchte seiner Lenden, von denen der ältere seine Größe erreichte, der jüngere aber, mehr und mehr wachsend, den Gipfel seines Stammes mit höchstem Ruhm zierte und, ihn überragend, fast verdeckte. Aber wie die Art des menschlichen Geistes ist: als die Franken, im Kriege mit Galliern gemischt, diese mit ihren gestreiften Mänteln prunken sahen, da gefiel ihnen die Neuigkeit: sie ließen von der alten Sitte und fingen an, es ihnen nachzutun. Das untersagte der strenge Kaiser einstweilen deshalb nicht, weil diese Tracht für den Krieg geeigneter schien. Aber als er merkte, daß die Friesen diese Erlaubnis mißbrauchten und diese kurzen Röckchen zum gleichen Preise wie früher die langen verkauften, verfügte er: jeder solle von ihnen nur die ganz großen, langen Gewänder für den herkömmlichen Preis kaufen, und setzte hinzu : "Wozu sind diese Fetzen nütze? Im Bett kann ich mich nicht damit zudecken, zu Roß kann ich mich nicht damit gegen Sturm und Regen schützen, und wenn mich ein Bedürfnis der Natur ankommt, verfrieren mir die Beine."

 

 


ZWEITES BUCH

 

IN der Vorrede dieses Büchleins habe ich gelobt, nur drei Gewährsmännern zu folgen. Aber da der Vorzüglichste von ihnen, Werinbert , vor acht Tagen aus dem Leben schied und wir heute, am 30. Mai, sein Gedächtnis zu feiern haben, wir, seine verwaisten Kinder und Schüler, so soll hier der Schluß dieses Buches sein, das, dem Munde dieses Priesters entnommen, handelt von des Herren Karl Frömmigkeit und Fürsorge für die Kirche.

Das folgende Buch aber, über die Kriegstaten des streitbaren Karl, soll nach den Erzählungen des Adalbert, Werinberts Vater, verfertigt werden. Er hat unter seinem Herrn Gerold den Hunnen-, Sachsen- und Slawenkrieg mitgemacht, und als er, gar ein alter Mann, mich Knaben aufzog, mich immer wieder hierin unterwiesen, zuletzt mit Gewalt, da ich widerspenstig war und oft davonlief.

Da ich nun nach dem Bericht eines weltlichen und in den Schriften weniger bewanderten Mannes hier berichten will, scheint es mir in der Sache zu liegen, wenn ich auf Grund zuverlässiger Schriftsteller etwas über die ältere Zeit in Erinnerung bringe.

Den gottverhaßten Julian hatte im persischen Krieg der Himmel selbst vernichtet. Dann waren vom römischen Reich nicht nur die überseeischen Provinzen, sondern auch die nächsten: Pannonien, Norikum, Rätien oder Germanien und die Franken oder Gallier abgefallen. Und dann gerieten auch die Könige der Gallier oder Franken allmählich mehr und mehr in Verfall, weil man den heiligen Desiderius, Bischof von Wien, ermordet und die heiligen Einwanderer Columban und Gallus vertrieben hatte. Da drang das Volk der Hunnen, das früher Frankenland und Aquitanien, Gallien und Spanien plündernd und raubend oft durchzog, mit ganzer Macht auf einmal hervor, wie eine weite Feuersbrunst alles verwüstend, und schleppte alles, was übrigbleiben konnte, in fest gesicherten Schlupfwinkeln zusammen.

Die Schlupflöcher waren dieser Art, wie mir der eben genannte Adalbertoft erzählt hat: "Das Land der Hunnen", sagte er, "war mit neun Reifen umgürtet." Und da ich mir keine anderen Reifen denken konnte als solche aus Weiden geflochten und fragte: "Was war daran Seltsames?", so antwortete er: "Mit neun Hecken war es befestigt." Da ich auch diese nur solcher Art kannte, wie man damit Saatfelder einzäunt, fragte ich wiederum, und er sprach :

"So weit war ein Reif, das heißt, so viel umfaßte er, wie weit es von Zürich bis Konstanz ist: so aus Stämmen von Eichen, Buchen und Tannen aufgeschichtet, daß er von Rand zu Rand zwanzig Fuß in die Breite sich dehnte und ebensoviel in die Höhe maß. Soweit er hohl war , wurde er mit harten Steinen und zähem Schlamm angefüllt, ferner die Oberfläche dieser Wälle lückenlos mit Rasen gedeckt. Dazwischen pflanzten sie Bäume, die, wie wir häufig sehen, abgehauen und wieder in die Erde gesteckt, doch den Schmuck der Zweige und Blätter treiben.

Innerhalb dieser Dämme lagen Dörfer und Höfe so, daß man von einem zum andern eines Mannes Ruf hören konnte. Gegenüber den Dörfern waren in diesen uneinnehmbaren Mauern nicht gerade hohe und weite Tore eingebaut. Dadurch zogen sie häufig aus auf Raub, nicht nur die, die in den äußeren Ringen wohnten, auch die ganz innen.

Ferner: von dem zweiten Ring, der dem ersten ähnlich erbaut war, erstreckten sich zwanzig deutsche Meilen, das sind vierzig italienische, bis zum dritten und so fort bis zum neunten, obgleich jeder Ring, je mehr nach innen, geringeren Umfang hatte. Auch waren von Ring zu Ring derart überall die Besitzungen und Wohnungen angelegt, daß man auf allen Besitzungen jedes Hornsignal vernehmen konnte."

In diesen Befestigungen also schleppten die Hunnen zweihundert und mehr Jahre hindurch alle Reichtümer des Abendlandes zusammen und, zumal auch die Goten und Vandalen die Ruhe der Menschen störten, ließen sie die Welt des Abendlandes fast völlig ausgeleert zurück.

Sie aber bezwang doch der niebesiegte Karl in acht Jahren so, daß er von ihnen nicht die geringste Spur übrig ließ. Von den Bulgaren aber zog er deshalb seine Hand zurück, weil sie, wenn nur einmal die Hunnen ausgerottet waren, dem Frankenreiche keine Gefahr weiter schienen. Und die Beute, die er in Pannonien fand, verteilte er unter die Bistümer und Klöster mit freigebigster Hand.

 

2.

IM Sachsenkrieg war Karl einmal persönlich im Kampf tätig, da sah er zwei einfache Kriegsleute - ich würde ihre Namen nennen, wenn ich nicht den Schein, anmaßend zu tun, vermeiden wollte - ihre Schilde zu einem Dach zusammenrücken und darunter eifrig die Mauern und Wälle der stark befestigten Stadt zerstören.

Gerecht, wie er war, machte er den einen von ihnen mit Zustimmung seines Herrn Gerold zum Befehlshaber zwischen dem Rhein und den italienischen Alpen, den andern beschenkte er reichlich mit Landgütern.

 

3.

DORT hatten auch einmal zwei Herzogssöhne die Wache beim Zelt des Königs zu halten und lagen, vom Trunk berauscht, wie tot da. Natürlich merkte das der Kaiser, der nach seiner Gewohnheit öfter aufwachte und das Lager durchschritt. Aber er ging leise und fast unbemerkt in sein Zelt zurück.

Am andern Morgen berief er alle Fürsten des Reiches zu sich und fragte, welche Strafe der verdiente, der das Haupt der Franken den Feinden preisgäbe. Da verdammten die Herzöge, der Vorgänge völlig unkundig, solchen Menschen zum Tode. Karl aber fuhr die Schuldigen nur hart an und entließ sie ohne Strafe.

 

4.

DASELBST waren auch zwei Bastarde, aus dem Frauenhaus zu Colmar erzeugt. Sie hatten im Kriege wacker gekämpft, darum fragte sie einmal der Kaiser, wer und welcher Abstammung sie seien. Als er es erfuhr, ließ er sie mittags in sein Zelt rufen und redete sie so an: "Gute Jungens, ich will, daß ihr mir und sonst niemand anders dient." Als sie bezeugten, sie seien nur darum gekommen, daß sie in seinem Dienste sein dürften wie die Geringsten, sagte er: "Dann sollt ihr mir in meiner Kammer dienen." Auch das, erklärten sie, würden sie gern tun, und ließen sich ihren Unwillen nicht merken.

Aber zu gelegener Zeit, als der Kaiser schlief, gingen sie ins feindliche Lager hinaus, fingen Streit an und wuschen sich im eignen und in der Feinde Blut das Schandmal der Knechtschaft ab.

 

5.

WÄHREND den Kaiser so das Kriegshandwerk beschäftigte, unterließ er es jedoch keineswegs, hochherzig zu den Königen der fernsten Reiche Gesandte zu schicken mit Briefen und Geschenken, einen um den anderen. Denn es wurden ihm aller Länder Ehren gebracht.

Als er nun vom Schauplatz des Sachsenkrieges an den König in Konstantinopel Gesandte schickte, fragte der, ob das Reich seines Sohnes Karl auch in Frieden sei, oder ob es von benachbarten Völkern angelaufen werde. Der Führer der Gesandtschaft erzählte, alles sonst sei in Frieden, nur ein Volk, die Sachsen genannt, belästige durch häufige Raubzüge die Grenzen der Franken. Da sagte dieser im Müßiggang erschlaffte und im Kriegshandwerk ganz unbrauchbare Mensch: ,,O, warum plagt sich mein Sohn im Kampf mit diesen paar Feinden ohne Namen und ohne Heldenmut? Da, ich schenke dir dies Volk mit allem, was dazu gehört."

Wieder daheim, erzählte der Gesandte das dem großen Krieger Karl. Der lachte dazu und meinte: ,,Dieser König da hinten hätte viel besser für dich gesorgt, hätte er dir auch nur eine leinene Hose für deine weite Reise geschenkt."

 

6.

NICHT darf ich die Klugheit verschweigen, die derselbe Gesandte gegen einen Weisen Griechenlands bekundete. Als er im Herbst einst mit seinen Begleitern zu irgendeiner königlichen Stadt kam, wurden sie, die einen hier, die andern dort untergebracht und er selbst der Fürsorge eines Bischofs anvertraut. Dieser war unablässig bedacht auf Fasten und Beten und brachte den Gesandten durch ständiges Fasten fast dem Tode nahe. Als nun im Frühling das Wetter schon ein wenig milder geworden war, stellte er ihn bei Gelegenheit dem Könige vor. Der fragte ihn, was er von dem Bischof halte. Aus innerster Seele schwer seufzend, sagte der Gesandte : "Gar heilig ist dieser Euer Bischof, soweit das ohne Gott möglich ist." Verwundert fragte der König: "Wie kann denn jemand ohne Gott heilig sein?" Darauf jener: "Es steht geschrieben: Gott ist die Liebe - und die hat der Bischof nicht."

Darauf lud ihn der König an seine Tafel und setzte ihn mitten unter die vornehmen Herren. Diese aber hatten ein Gesetz eingeführt: niemand am Tisch des Königs, einheimisch oder fremd, dürfe ein Tier oder einen Teil davon auf die andere Seite wenden, sondern nur so davon essen, wie es auf der Schüssel läge. Man brachte in einer Schüssel einen Flußfisch mit gewürzter Brühe übergossen. Und als der Gast, unbekannt mit jener Sitte, den Fisch auf die andere Seite legte, sprangen sie alle auf und sprachen zum König: "Herr, man hat Euch entehrt, wie Eure Vorfahren noch nie." Und der König sprach seufzend zu ihm: "Ich kann ihnen nicht wehren, daß sie dich unverzüglich zu Tode bringen. Bitte dir etwas anderes aus, was du willst, und ich will es dir erfüllen."

Der Gesandte besann sich ein Weilchen, dann rief er vor aller Ohren: "Ich beschwöre Euch, Herr Kaiser, daß Ihr mir nach Eurem Versprechen eine kleine Bitte gewährt."

Der König versprach es ihm: "Fordere, was du auch willst, und du sollst es erhalten: nur kann ich dir gegen das Gesetz der Griechen nicht dein Leben schenken." Darauf jener: "Soll ich sterben, so fordere ich dies eine, daß, wer mich jenen Fisch wenden sah, das Augenlicht verliere !"

Bestürzt ob solcher Bedingung, schwur der König bei Christus, er selbst habe es nicht gesehen, sondern glaube es nur denen, die es ihm erzählt hätten. Dann begann die Königin sich so zu entschuldigen: "Bei der freudespendenden Mutter Gottes, der heiligen Maria, ich habe es nicht bemerkt." Danach suchten sich die übrigen Vornehmen einer vor dem andern eiligst aus solcher Gefahr zu ziehen: dieser beim Schlüsselträger des Himmels, der bei dem Lehrer der Heiden, die übrigen bei der Tugend der Engel und der Schar aller Heiligen: so suchten sie sich von der Schuld mit schrecklichen Eiden zu lösen. So überwand der schlaue Franke das eitle Hellas am eignen Herde und kam als Sieger wohlbehalten in sein Vaterland zurück.

 

Ein paar Jahre darauf schickte der unermüdliche Karl einen Bischof dahin, frisch und stark an Leib und Seele, und gab ihm als Begleiter den vornehmen Grafen Hugo mit. Sie wurden lange hingehalten, endlich dem Könige vorgestellt, aber unwürdig behandelt und in ganz entlegene Orte geschickt. Zuletzt aber wurden sie entlassen und kehrten mit großem Verlust an Schiffen und Eigentum zurück.

Nicht viel später aber schickte dieser König seinerseits Gesandte an den glorreichen Karl. Und es traf sich gerade so, daß jener Bischof mit dem Herzog beim Kaiser war. Als nun die Ankunft der Gesandten gemeldet wurde, rieten sie dem weisen Kaiser, er solle die Gesandtschaft durch die Alpen und unwegsame Gegenden führen lassen, bis sie gänzlich zerlumpt und halb verhungert, erschöpft von großen Entbehrungen vor sein Angesicht zu kommen genötigt seien.

Als sie nun auch wirklich endlich ankamen, hieß der Bischof und sein Begleiter den Marschall inmitten seiner Untergebenen auf erhabenem Thron Platz nehmen, so daß er unbedingt für den Kaiser gehalten werden mußte. Als die Gesandten ihn erblickten, warfen sie sich auf die Erde und wollten ihn anbeten.

Aber Diener hielten sie zurück und nötigten sie, weiter vor zu gehen. Da sahen sie den Pfalzgrafen inmitten der Großen wie bei Gericht feierlich dasitzen, hielten ihn nun für den Kaiser und fielen wieder zu Boden. Aber auch von da trieb man sie mit Püffen vorwärts, und alle Umstehenden schrien: "Das ist der Kaiser immer noch nicht !" Weiter und weiter gehend, fanden sie den königlichen Truchseß mit prächtig geschmückten Dienern, glaubten, er sei der Kaiser, und stürzten auf die Erde. Von da wieder fort gestoßen, trafen sie im innern Gemach die Kämmerer des Kaisers um ihren Herrn versammelt, von dem es nicht zweifelhaft scheinen konnte, daß er der Gebieter der Menschen war. Aber auch er leugnete, der Kaiser zu sein - er war es ja auch nicht - versprach ihnen aber, er wollte sich mit den Ersten der Pfalz bemühen, auf daß sie, wenn es möglich wäre, vor das Angesicht des erlauchten Kaisers kommen dürften.

Dann wurden von der Seite des Kaisers Leute ausgeschickt, die die Gesandten mit allen Ehren hineinführten. Es stand aber der glorreichste der Könige, Karl, neben einem helleuchtenden Fenster, strahlend wie die Sonne bei ihrem Aufgang, mit edlen Steinen und Gold geschmückt, und stützte sich auf Heitto. So hieß nämlich der Bischof, den er einst nach Konstantinopel geschickt hatte.

Rings umgab es ihn überall wie himmlische Heerscharen: seine drei jungen Söhne, nunmehr schon seine Mitregenten, seine Töchter mit ihrer Mutter, nicht minder durch Weisheit und Schönheit geziert als durch Kleinodien; Bischöfe, unvergleichlich in ihrer Wohlgestalt und Tugend, und die Äbte, die durch vornehme Geburt und Heiligkeit zugleich hervorragten, und Herzöge solcher Art, wie einst Josua im Lager zu Galgala erschien, und Kriegsleute, wie die, welche aus Samarien die Syrer mitsamt den Assyriern verjagten. Wenn David dabei gewesen wäre, so hätte er mit Recht singen können: "Ihr Könige auf Erden und alle Leute, Fürsten und alle Richter auf Erden, Jünglinge und Jungfrauen, Alte mit den Jungen sollen loben den Namen des Herrn !"

Da waren die Gesandten der Griechen völlig fassungslos, der Atem verging ihnen, sie verloren die Besinnung: stumm und wie leblos fielen sie in den Staub. Der gütige Kaiser aber hob sie auf und suchte sie durch tröstlichen Zuspruch zu ermutigen. Endlich erholten sie sich etwas; als sie aber den Heitto in solcher Glorie sahen, den sie einst so verachtet und verstoßen hatten, entsetzten sie sich von neuem und lagen so lange zu Boden, bis ihnen der König beim König der Himmel schwur, er werde ihnen in keiner Weise ein Leid tun. Durch dies Ver- sprechen gestärkt, begannen sie ein wenig zuversichtlicher aufzutreten. Nachdem sie aber in ihr Vaterland zurückgekehrt waren, sind sie nie wieder in unser Land gekommen.

Hier glaube ich, muß ich erzählen, wie tüchtige Männer Karl in allen Stücken hatte.

 

7.

EINMAL, als am Tage der Erscheinung des Herrn die Frühmesse vor dem Kaiserin der achten Stunde gefeiert war, sangen hinterher die Griechen insgeheim in ihrer Sprache Gott Preis und Lob. Der Kaiser hatte sein Wohlgefallen an ihrem süßen Gesange, in der Nähe versteckt, und befahl seinen Geistlichen, nicht eher etwas zu sich zu nehmen, bis sie ihm die Antiphonien ins Lateinische übersetzt brächten.

Diese selben Gesandten aus Griechenland brachten auch alle Arten von Instrumenten und andern Dingen mit sich.

Die Werkleute des schlauen Karl taten so, als sähen sie es sich nur an, und bildeten alles genau nach, vorzüglich das trefflichste aller Musikinstrumente, das mit ehernen Behältern und ledernen Bälgen, die wunderbar durch eherne Pfeifen blasen, das Brüllen des Donners mit mächtigem Schall und das leichte Gespräch der Lyra und der Cymbel mit aller Süßigkeit erreicht.

Wo es aufgestellt wurde, wie lange es dort blieb und wie es unter andern öffentlichen Verlusten später zugrunde ging, das zu erzählen, ist hier nicht der Ort und die Zeit.

 

8.

ZUR gleichen Zeit kamen auch Gesandte der Perser zu ihm. Sie kannten aber die Lage des Frankenlandes nicht und hielten es schon für ein Großes, wenn sie überhaupt bis an das Ufer Italiens gelangen möchten: das tat der Ruhm Roms, und dort sei jetzt Karl Kaiser, hatten sie erfahren.

Den Bischöfen von Kampanien und Tuscien, von Emilien und Ligurien, von Burgund und Gallien, auch den Äbten und Grafen hatten sie die Ursache ihres Kommens angezeigt und waren von ihnen je nachdem entweder ohne besondere Sorgfalt aufgenommen oder gänzlich abgewiesen worden, bis sie endlich nach Verlauf eines ganzen Jahres müde und vom allzu weiten Weg erschöpft zu Aachen Karl fanden in seiner ganzen, vielgerühmten Manneskraft. Sie kamen dort an in der großen Woche der großen Fastenzeit und wurden dem Kaiser gemeldet, mußten aber bis zum Osterabend auf ihn warten.

Als nun an diesem hohen Feiertage der Unvergleichliche unvergleichlich sich geschmückt hatte, ließ er sie zu sich führen, Männer jenes Volkes, das einst der ganzen Welt ein Schrecken war. Doch erschien ihnen der herrliche Karl vor allen so Ehrfurcht und Schrecken gebietend, als ob sie einen König oder Kaiser noch nie zuvor gesehen hätten. Er nahm sie freundlich auf und gewährte ihnen als Gastgeschenk, daß sie wie seine Söhne, wohin sie wollten, gehen und alles besehen, auch nach allem fragen und forschen durften. So sehr sie auch beglückt über diese Gnade waren, zogen sie es doch allen Schätzen des Orients vor, in seiner Nähe zu bleiben, ihn immer wieder anzusehen und anzustaunen.

Sie stiegen auf den Söller, der rings um die Basilika führt, und sahen von dort herab auf seine Geistlichen und seine Kriegsleute, kamen immer wieder zum Kaiser zurück, konnten in ihrer übergroßen Freude nichts als lachen, schlugen die Hände zusammen und sprachen: "Früher haben wir nur Menschen aus Erde gesehen, jetzt aber solche aus Gold." Dann traten sie an die einzelnen Vornehmen heran, bewunderten ihre ungewohnten Gewänder und Waffen und wandten sich wieder zum Kaiser und hatten ihn noch mehr anzustaunen.

Dasselbe Gebaren hatten sie die Nacht und den folgenden Sonntag in der Kirche. Am heiligen Tage selbst lud sie der reiche Karl zu einem Prunkmahle ein mitsamt allen großen Herren des Frankenlandes oder besser Europas. Dabei waren sie aber von dem Wunderbaren alles Ungewohnten so hingenommen, daß sie fast nüchtern wieder aufstanden.

Wieder bestreut Aurora mit plötzlichem Lichte die Länder ringsumher, aufsteigend vom Safranlager Tithonus: siehe, da rüstet sich Karl, der Ruhe und Müßigkeit nimmer verträgt, zur Jagd auf Wisente und Auerochsen in den Wald zu reiten und die persischen Gesandten mitzunehmen. Und als sie nun jene ungeheuren Tiere sahen, packte sie jäher Schreck, und sie flohen eiligst. Aber der unerschrockene Held Karl sprengte auf mutigem Roß an eines der Tiere heran und wollte ihm das Genick durchhauen. Der Hieb mißlang jedoch, und das wilde Tier zerriß dem König Stiefel und Hose, traf sein Bein, wenngleich nur mit der Spitze des Horns, wurde wieder ein wenig friedlicher und floh, nur leicht getroffen, in eine sichere Schlucht voller Baumstämme und rauher Felsblöcke.

Als nun fast alle in ihres Herren Dienst ihre Hosen ausziehen wollten, hinderte es Karl: "So zugerichtet will ich zur Hildegard kommen!" Das Tier aber verfolgte Isambard, der Sohn Warins, des Verfolgers Eures Schutzpatrons Othmar, und als er nicht näher heranzukommen wagte, warf er die Lanze nach ihm und durchbohrte sein Herz zwischen Schulterblatt und Kehle und meldete dem Kaiser, das Wild läge im Tode zuckend.

Der tat, als merkte er es nicht, ließ die Beute seinen Begleitern und ging nach Hause. Er rief die Königin, zeigte ihr sein zerrissenes Kleid und fragte sie: "Was verdient der Mann, der mich von solchem gefährlichen Feind befreite?" Sie antwortete: "Alles Gute." Da erzählte ihr der Kaiser alles der Reihe nach und zeigte die mächtigen Hörner zum Zeugnis. Das alles erregte die Herrscherin zu Tränen und Seufzern, daß sie die Brust mit Fäusten schlug. Als sie nun hörte, Isambard, der damals allen verhaßt und aller Ehren ledig war, habe den Kaiser vor solchem Feinde beschützt, warf sie sich Karl zu Füßen und erlangte für ihn alles zurück, was man ihm genommen hatte. Sie selbst gab ihm noch reiche Geschenke dazu.

Es brachten aber die Perser dem Kaiser einen Elefanten und Affen, Balsam, Narden und verschiedene Salben, Gewürze, Wohlgerüche und mancherlei Spezereien so viel, daß man vermeinte, sie hätten das ganze Morgenland ausgeleert und das Abendland damit angefüllt. Allmählich wurden sie zu dem Kaiser zutraulich und so sprachen sie eines Tages, als sie schon recht fröhlich waren und warm vom starken Graezinger, scherzend zu Karl, der immer mit Ernst und Mäßigkeit gewappnet blieb: "Groß, Herr Kaiser, ist freilich Eure Macht, aber viel geringer als der laute Ruhm, durch den Ihr bei den Völkern des Morgenlandes mächtig seid."

Karl vernahm es, verbarg seinen tiefen Unwillen und fragte sie fröhlich: " Was sprecht ihr so, meine Söhne, oder warum meint ihr das?"

Da huben sie von Anfang an und erzählten ihm alles, was ihnen diesseits des Meeres widerfahren war, und sagten: "Wir Perser und Meder, Armenier und Inder, Parther und Elamiter und alle Völker des Ostens fürchten Euch noch viel mehr als unsern Herrn Harun. Und von den Mazedoniern und Griechen, was sollen wir von ihnen sagen? Sie fürchten mehr und mehr, daß Eure Größe sie eher verschlingt als die Fluten des Ionischen Meeres. Und auf allen Inseln, über die wir kamen, sind alle so bereit und eifrig zu Eurem Dienst, gerade als wären sie in Eurer Pfalz aufgewachsen und mit allen Wohltaten überhäuft. Aber hierzulande scheint es uns, daß die großen Herren sich nicht genug um Euch kümmern, höchstens in Eurer Gegenwart. Denn als wir, wie Pilgersleute tun, sie baten, sie möchten uns doch um Euretwillen, da wir doch zu Euch wollten, einige Menschlichkeit erweisen, haben sie uns nicht geholfen und uns ungefördert und leer unserer Wege ziehen lassen."

Da entsetzte der Kaiser alle Grafen und Äbte, bei denen die Gesandten durchgereist waren, aller Würden; die Bischöfe strafte er mit vielem, vielem Geld und ließ die Gesandten mit aller Sorgfalt und allen Ehren bis in ihr eigenes Land zurückgeleiten.

 

9.

ES kamen auch Gesandte zu ihm vom König von Afrika und brachten mit sich einen marmarischen Löwen und einen numidischen Bären, braune Farbe aus Iberien, tyrischen Purpur und andere Eigentümlichkeiten dieser Gegenden.

Diesem König ließ der freigebige Karl und allen Völkern Lybiens, die ewige Armut bedrückt, den Reichtum Europas bringen, nämlich Korn, Wein und Öl, und beschenkte und erhielt sie damit nicht nur jetzt, sondern sein ganzes Leben hindurch mit offener Hand und hielt sie sich dadurch unterworfen und ewig treu, und nahm von ihnen nicht geringen Tribut.

Ferner schickte der nie rastende Kaiser an den Kaiser der Perser Pferde und spanische Maultiere, friesische Tuche, weiße, graue, rote und blaue, die, wie er wußte, in jenen Gegenden selten und sehr teuer waren. Auch Hunde von besonderer Schnelligkeit und Wildheit, die jener selbst einmal sich gewünscht hatte, um damit Löwen und Tiger zu jagen und zu hetzen. Die übrigen Geschenke sah Harun kaum an und fragte gleich die Gesandten, welche wilden Tiere diese Hunde zu bezwingen pflegten. Und da er die Antwort erhielt, sie würden alles, worauf sie losgelassen würden, unverzüglich zerreißen, sprach er: "Das sollen sie bald beweisen!"

Und siehe: am folgenden Tage erhob sich ein großes Geschrei von Hirten, die vor einem Löwen davon- liefen. Als man das am Königshofe vernahm, sprach der Fürst zu den Gesandten: "Ihr fränkischen Freunde, auf zu Roß und folget mir!" Und sogleich als hätten sie gar keine Mühsal und Ermüdung hinter sich, folgten sie munter und frisch dem Könige. Als sie nun den Löwen - von fern natürlich - sahen, sprach der Oberste aller Satrapen: "Hetzt eure Hunde auf den Löwen !" Sie folgten dem Befehl, flogen eilends herbei und töteten den persischen Löwen, den die deutschen Hunde fest gepackt hielten, mit ihren Schwertern aus nördlichem Stahl, den Sachsenblut einst gehärtet hatte.

Als das Harun sah, seines Namens tapferster Erbe, erkannte er aus dieser kleinen Probe die Stärke Karls und sprach zu seinem Lobe die Worte: "Nun erkenne ich, wie wahr das ist, was ich von meinem Bruder Karl vernahm: durch seine Ausdauer auf der Jagd und seine unermüdliche Schulung Körpers und Geistes ist er gewohnt, alles, was unter dem Himmel ist, zu bezwingen. Was kann ich ihm Würdiges zurückschicken, der mich so hat ehren lassen? Gebe ich ihm das Land, das Gott Abraham verhieß und Josua gab, so kann er es doch wegen der weiten Entfernung nicht vor den Barbaren schützen. Oder wenn er es nach seiner Großherzigkeit zu verteidigen beginnt, fürchte ich, daß die nachbarlichen Provinzen des Frankenreiches von seiner Herrschaft abfallen. Aber trotzdem will ich versuchen, in dieser Art seiner Freigebigkeit zu entsprechen. Ich will das Land in seine Gewalt geben und sein Sachwalter darüber sein. Er selbst mag mir, so oft er will und wann es ihn passend dünkt, Gesandte schicken und wird mich als den treuesten Verwalter der Einkünfte dieses Landes erfinden." So geschah, was der Dichter als unmöglich ausgesprochen hatte: es werde                

            Trinken der Parther des Araris Flut,

der Germane den Tigris.

Das schien jetzt durch die Tätigkeit des starken Karl, das Hin- und Herreisen seiner Gesandten und der des Harun von Parthien nach Deutschland und von Deutschland nach Parthien, das schien allen, jung und alt, jetzt nicht nur möglich, sondern sogar sehr leicht. (Welchen Araris nun auch die Schriftgelehrten meinen, den Nebenfluß des Rheines oder der Rhone; das werfen nämlich die, die diese Gegenden nicht kennen, oft durcheinander.) Zum Zeugnis dafür will ich ganz Deutschland aufbieten, das zu Zeiten Eures glorreichen Vaters Ludwig genötigt wurde, von jeder Hufe königlichen Gutes je einen Denar abzugeben zum Loskauf der Christen, die das Land der Verheißung bewohnten. Sie baten aber Euren Vater kläglich darum, weil einst Euer Ahnherr Karl und Euer Großvater Ludwig über sie geherrscht hatten.

 

10.

UND weil sich so Anlaß bot, Eures herrlichen Vaters ehrenvoll zu gedenken, mag es mir auch freistehen, die Weissagung anzuführen, die der weise Karl über ihn ausgesprochen hat.

Die ersten sechs Jahre wurde jener mit aller Sorgfalt im Hause seines Vaters aufgezogen, und man hielt ihn schon damals nicht mit Unrecht für weiser als Sechzigjährige. Sein gnädiger Vater, der es kaum mehr erwarten konnte, ihn dem Großvater vorzustellen, nahm den Jungen aus der sorgsamen Pflege der Mutter und begann ihm beizubringen, wie ernsthaft und ehrerbietig er sich vor dem Kaiser betragen müsse, und wenn er gefragt werde, müsse er antworten und schön gehorsam sein. So nahm er ihn mit sich in die kaiserliche Pfalz.

Gleich am ersten oder zweiten Tage wurde der Kaiser auf ihn unter den übrigen Umstehenden aufmerksam und fragte seinen Sohn: "Wessen ist das Knäblein?" Er antwortete: "Meines, Herr, und wenn Ihr geruht, auch Eures."  Da bat Karl: "Gib ihn mir!" Dann küßte der erlauchte Kaiser das Knäblein und schickte es wieder auf seinen Platz.

Aber der Junge fühlte gleich seine Würde und verachtete es, in der zweiten Reihe hinter dem Kaiser zu stehen. So faßte er sich ein Herz, nahm eine sorgfältige Haltung an und stellte sich in gleiche Reihe neben seinen Vater.

Der kluge Karl merkte das, rief seinen Sohn Ludwig zu sich und hieß ihn seinen Namensgenossen fragen, warum er das tue und mit welcher Zuversicht er sich herausnehme, sich seinem Vater gleichzustellen. Der Knabe gab die verständige Antwort: "Als ich Euer Vasall war, stand ich hinter Euch, wie es sich gehört, unter meinen Kameraden. Nun ich aber Euer Enkel und Kamerad bin, stelle ich mich billig in eine Reihe mit Euch!" Als Ludwig das dem Kaiser gemeldet hatte, sprach der diese Worte: "Wenn dies Knäblein am Leben bleibt, so wird noch einmal etwas Großes aus ihm." Diese Worte sind eigentlich vom Ambrosius gesagt, und ich habe sie deshalb übernommen, weil man das, was Karl sagte, nicht genau ins Lateinische übersetzen kann. Und nicht ohne Grund habe ich diese Weissagung über den heiligen Ambrosius auf den großen Ludwig angewandt, der - ich nehme die Dinge und Geschäfte aus, ohne die ein Staat auf Erden nicht bestehen kann  nämlich : die Ehe und das Kriegshandwerk - in allen Stücken sonst dem Heiligen ganz ähnlich war. Ja, gemäß seiner königlichen Macht war er, wenn es erlaubt ist, so zu sagen, in seinen Bemühungen um das Christentum noch größer als Ambrosius: gut katholisch, ein eifriger Gottesverehrer , ein Freund der Diener Christi und ihnen unablässig Schutz und Hilfe. Das ist so wahr, daß Ludwig, als unser treuer Abt Hartmut - er lebt jetzt in verschlossener Zelle - ihm berichtete, die geringen Güter des heiligen Gallus seien nicht von königlichen Stiftungen, sondern aus privaten Zuwendungen zusammengebracht und hätten nichts von den Privilegien anderer Klöster, noch das gemeine Recht aller Völker, und daher könnten sie nirgends einen schützen - den Anwalt bekommen - daß er da selbst sich nicht schämte, allen unsern Feinden zum Trotz sich zum Anwalt unserer Niedrigkeit vor allen seinen Fürsten zu bekennen.

Damals auch schickte er den Brief an Euch, seinen Sohn, daß wir in Eurem Namen, wessen wir bedürftig seien, frei fordern dürften, sofern wir es eidlich beteuerten.

Doch ach, wie töricht bin ich, daß ich wegen der besonderen Gnade, die er uns erzeigt hat, von seiner allgemeinen und unsagbaren Güte, Größe und Großmütigkeit, zu wenig überlegt, abgewichen bin, verleitet durch meine persönliche Freude !

 

11.

ES war also Ludwig, König und Kaiser über ganz Deutschland, Rhätien und das alte Frankenland, nicht minder über Sachsen, Thüringen, Norikum, Pannonien und alle Völker des Nordens, von stattlichem Wuchs und schöner Gestalt, mit Augen wie strahlende Sterne, von klarer, männlicher Stimme und seltener Weisheit voll, die er, im Vertrauen auf seine gute Begabung, durch beharrliches Forschen in den Schriften zu mehren nicht abließ.

So bewies er eine unvergleichliche Fähigkeit, allen Listen seiner Feinde zuvorzukommen oder sie zuschanden zu machen, Streitigkeiten seiner Untertanen zu schlichten und auf alle Weise für das Wohl seiner Getreuen zu sorgen.

Gegen alle Heiden ringsum behauptete er sich bald mehr und mehr furchtbar, über seine Vorgänger hinaus. Und mit Recht, da er niemals seine Zunge durch einen Urteilsspruch oder seine Hände durch vergossenes Christenblut entweihte - mit einer einzigen Ausnahme, wo die letzte Not ihn drängte. Doch nach dieser Bluttat ließ er sich durch nichts mehr zu einem Todesurteil bringen. Freilich: war jemand der Untreue oder der Empörung angeklagt, so hielt er ihn mit solcher Strenge danieder , daß er ihm alle Ehren nahm und sich nimmermehr durch irgendwelchen Anlaß oder die Länge der Zeit erweichen ließ zuzugeben, daß er wieder zum alten Range aufstiege.

Er betete fleißig und fastete willig und ergeben und diente Gott mit aller Sorgsamkeit, eifriger als alle Menschen, daß er nach dem Vorbild des heiligen Martin, was er auch immer tat, alles Gott im Gebet anheim stellte, als wäre er ihm gegenwärtig. Des Fleisches und feinerer Speisen enthielt er sich an bestimmten Tagen. Zur Zeit der Litaneien pflegte er mit bloßen Füßen bis zur Pfarrkirche dem Kreuze zu folgen oder bis Sankt Emmeran, wenn er gerade in Regensburg war. An andern Orten fügte er sich stets den Sitten der Einwohner .

Neue Kirchen baute er in Frankfurt und Regensburg von wundervollem Bau. Und als bei dem großen Werk die Bausteine nicht genügten, ließ er die Stadtmauern nieder- reißen. In deren Höhlungen fand er so viel Gold bei den Gebeinen der Toten, daß er nicht nur die Kirchen dort damit ausschmückte, sondern auch davon Bücher neu schreiben und mit Deckeln ganz aus dem gleichen Stoff von fast Fingerdicke versehen ließ.

Kein Geistlicher, der nicht zu lesen und zu singen verstand, wagte vor ihm zu bleiben, ja nicht einmal ihm vor die Augen zu kommen. Mönche aber, die ihr Gelübde verletzten, verachtete er so, wie er die gehorsamen mit aller Liebe umgab.

So erfüllt war er immer von heiterer Laune und Freundlichkeit, daß, wer traurig zu ihm kam, allein von seinem Anblick oder von noch so geringen Worten fröhlich wurde und froh von dannen ging. Wenn einmal etwas Verkehrtes oder Unschickliches vor seinen Augen jählings geschah oder er zufällig anderswo davon erfuhr, so brachte er allein durch seinen Blick alles wieder so in Ordnung, daß, was vom ewigen Richter, der das Herz ansieht, geschrieben steht: "Ein König, der auf dem Stuhl sitzt zu richten, zerstreut alles Arge mit seinen Augen" - daß das unzweifelhaft in ihm zur Tat geworden war, mehr als es sonst den Menschen vergönnt ist.

Dies alles möchte ich - ein wenig abschweifend zwar - kurz von ihm gesagt haben; bleibt mir das Leben und ist mir Gott weiter gnädig, so wünsche ich, noch viel von ihm niederzuschreiben.

 

12.

JETZT müssen wir bald zu unserm Gegenstand zurückkehren. Zu der Zeit, als Kaiser Karl ein wenig lange in Aachen verweilen mußte - es kamen so viel fremde Gesandten, die wilden, unbezwinglichen Sachsen blieben feindselig, und die Nordmannen und Mauren raubten und plünderten zu Wasser und zu Lande - und als sein Sohn Pippin mit den Hunnen im Kriege lag, da brachen von Norden her Barbarenvölker ein und suchten große Teile von Norikum und Ostfrankenland schwer heim. Kaum hatte er das erfahren, so demütigte er sie alle in eigener Person derart, daß er auch Knaben und unmündige Kinder mit dem Schwert messen ließ, und wer dies Maß überragte, dem schlug man den Kopf ab.

(Aus dieser Begebenheit erwuchs ein viel größeres und herrlicheres Ereignis: denn als der heilige Großvater Eurer Majestät aus diesem Leben schied, da gab es ein paar Riesen von der Art, wie sie aus Gottes Zorn, so erzählt die Heilige Schrift, die Söhne Seths mit den Töchtern Kains zeugten. Der Geist des Hochmuts machte sie vermessen, zweifelsohne gleich denen, die da sprachen: " Was haben wir denn Teil an David oder Erbe am Sohne Isais?" Diese Riesen verachteten seine Leibeserben auf das schönste und versuchten, ein jeder für sich, die Führung des Reiches an sich zu reißen und das kaiserliche Diadem zu tragen. Da lehnten sich ein paar vom mittleren Adel gegen sie auf nach Gottes Rat; denn, sagten sie, der große Kaiser Karl habe einst die Feinde der Christenheit nach Schwerteslänge gemessen, und darum: so lange aus seinem Stamm sich einer fände von Schwer- tesgröße, nur der dürfe Herr über die Franken, ja über ganz Deutschland sein. Da wurde diese teuflische Sippe, wie vom Blitz zerschmettert, in alle Winde zerjagt. )

Doch Karl, der auswärtigen Feinde nunmehr Sieger, sah sich auf einmal von den Seinen mit listigem, aber doch vergeblichem Truge umgarnt. Denn als er aus dem Slawenkrieg nach Regensburg zurückkehrte, wäre er von seinem Sohne, den ihm eine Kebsin geboren und dem sie den Namen - welch schlimmes Vorzeichen! - des glorreichen Pippin gegeben hatte, beinahe gefangen und, soviel an ihm lag, zu Tode gebracht worden. Das aber wurde so entdeckt.

Als dieser Pippin mit den Großen in der Peterskirche Rates pflog, den Kaiser zu ermorden, ließ er, als sie die Beratung geendet hatten, nachsehen, ob nicht jemand in den Winkeln oder unter den Altären versteckt sei. Denn nichts dünkte ihn sicher. Und siehe: wie sie gedacht hatten, fanden sie einen Geistlichen unter einem Altar verborgen. Sie griffen ihn und brachten ihn dazu, zu schwören, ihren Plan nicht zu verraten; und um sein Leben nicht zu verlieren, weigerte er sich nicht, wie sie ihm vorsprachen, zu schwören. Aber als sie wieder fort waren, achtete er jenes gottlosen Eides nicht mehr und lief eilends in die Pfalz. Dort drang er mit größter Schwierigkeit durch sieben Riegel und Türen endlich bis ans Schlafgemach des Kaisers, schlug an die Tür und brachte den immerwachen Karl in die größte Verwunderung, daß einer sich vermaß, zu solcher Stunde ihn zu stören.

Trotzdem befahl er den Frauen, die immer zum Dienste der Königin und seiner Töchter bei ihm waren, hinauszugehen und zu schauen, wer an der Tür sei und was er wolle. Sie gingen und gewahrten einen Mann von ganz geringem Stande, verriegelten drum die Tür und suchten sich unter viel Lachen und Ausgelassenheit in den Ecken zu verstecken, das Gesicht in ihren Kleidern bergend.

Aber der scharfsichtige Kaiser, dem nichts unter dem Himmel entgehen konnte, fragte aufmerksam die Frauen, was sie hätten und wer an die Tür pochte. Er bekam zur Antwort, ein Schelm, kahl geschoren und lächerlich anzusehen und von Sinnen, nur in Hemd und Hose, verlangte ihn unverzüglich zu sprechen. Da befahl er, ihn einzulassen. Der Geistliche nun fiel ihm gleich zu Füßen und verriet ihm alles nach der Reihe.

Die Verschworenen aber, die nichts weniger ahnten, hatten alle schon vor der dritten Tagesstunde ihre wohlverdiente Strafe und wurden in die Verbannung geschickt. Auch der bucklige Zwerg Pippin wurde unbarmherzig gegeißelt und geschoren und ins Kloster des heiligen Gallus auf einige Zeit zur Strafe geschickt, das von allen Orten des weiten Reiches am ärmsten und kleinsten zu sein schien.

Nicht viel später wollten einige von den fränkischen Großen Hand an den König legen. Das blieb ihm keineswegs verborgen, aber er wollte sie doch auch nicht gern verderben; denn wenn sie nur wollten, hätten sie den Christen ein guter Schutz sein können. Daher schickte Karl seine Boten an Pippin und ließ ihn fragen, was er mit den Bösewichtern tun solle.

Den Pippin fanden sie im Garten mit den älteren Klosterbrüdern - die Jüngeren waren in wichtigeren Geschäften verhindert - wie er Nesseln und allerlei Unkraut mit einer Hacke ausjätete, damit die nützlichen Kräuter um so besser wachsen könnten, und so sagten sie ihm die Ursache ihres Kommens an. Aber er seufzte tief, wie ja alle Schwächeren immer leichter aufgeregt sind als die Gesunden, und antwortete nur: "Wenn Karl meinen Rat wollte, so würde er mich nicht so hart erniedrigen. Ich habe ihm nichts weiter zu sagen. Sagt ihm, wobei ihr mich beschäftigt fandet."

Aber sie fürchteten sich, ohne eine bestimmte Antwort zu dem schrecklichen Kaiser zurückzukehren, und fragten ihn noch einmal und zweimal, was sie ihrem Herrn vermelden sollten. Da sagte er ärgerlich: "Nichts anderes lasse ich ihm melden, als was ich tue. Das unnütze Gewächs reiße ich aus, auf daß das nützliche Küchenkraut besser wachsen kann."

Und so nahmen die Boten traurig den Abschied und dachten, sie hätten nichts Vernünftiges zurückzubringen.

Als sie nun vor den Kaiser kamen und gefragt wurden, was sie mitbrächten, klagten sie, sie seien trotz der Mühen und des weiten Weges nicht um ein Wort klüger geworden. Und als der kluge König sie der Reihe nach fragte, wo oder bei welcher Beschäftigung sie Pippin gefunden hätten und was er ihnen zur Antwort gegeben hätte, sprachen sie: "Auf einem Bauernschemel fanden wir ihn sitzen, wie er mit einer Hacke ein kleines Gemüsebeet bearbeitete. Als wir ihm die Ursache unserer Reise vortrugen, konnten wir nur dies eine ihm mit viel Mahnen und Bitten abnötigen: Nichts anderes lasse ich ihm melden, als was ich tue. Das unnütze Gewächs reiße ich aus, auf daß das nützliche Küchenkraut besser wachsen kann."

Bei diesen Worten rieb sich der Kaiser, dem es nicht an Schlauheit fehlte und der reich an Weisheit war, die Ohren, blies durch die Nase und meinte: "Das ist eine verständige Antwort, die ihr guten Leute mir mitgebracht habt!"

Und während so die Boten immer noch für ihr Leben fürchteten, brachte Karl die Worte zur Ausführung, nahm alle seine Verschwörer aus der Mitte der Lebenden hinweg und gab das erledigte Gut dieser Unnützen seinen Getreuen, auf daß sie wüchsen und sich ausbreiteten. Einen seiner Feinde aber, der sich den höchsten Berg in Frankenland und alles, was er von da aus erblicken konnte, zu seinem Besitztum erkoren hatte, ließ er unschädlich machen, indem er ihn auf diesem Berg am hohen Galgen aufknüpfen ließ.

Seinem Bastard Pippin stellte er frei, sich zu wählen, wie er sein Leben verbringen wollte. Der nahm das Anerbieten an und wählte sich einen Platz in dem damals noch hochberühmten Kloster Prüm, das jetzt - ich weiß nicht warum - verwüstet und zerfallen daliegt.

 

Es verdroß den hochgemuten Karl sehr, daß man ihn selbst veranlaßt hatte, gegen jene Barbarenvölker auszuziehen, da doch der erste beste seiner Anführer dazu hinreichend schien. Daß das wirklich so war, will ich durch die Tat eines meiner Landsleute beweisen.

Es war da ein Mann aus dem Thurgau - schon durch seinen Namen ein großer Teil des furchtbaren Heeres, er hieß Eishere - von solchem Körperbau, daß man hätte glauben mögen, er sei aus dem Geschlechte Enaks, wenn nicht so viel Zeit und Land dazwischen läge.

Sooft er an den Thurfluß kam, der durch die Gießbäche aus den Alpen anschwoll und überfloß, und er sein mächtiges Roß, ich will nicht sagen in die Strömung, ja nicht einmal in das ruhiger fließende Wasser treiben konnte, nahm er es beim Zügel und zog es schwimmend hinter sich her und sagte dabei: "Beim Herrn Gallus, ob du willst oder nicht, du mußt hinterdrein!" Und im Gefolge des Kaisers mähte er die Böhmen, Witzen und Awaren wie das Gras und spießte sie wie Vögelchen auf seine Lanze. Als er nun wieder heim kam und ihn die Müßiggänger fragten, wie es ihm denn im Wendenlande gefallen habe, sagte er entrüstet über die Frage und voller Verachtung der Feinde: " Was soll ich mit diesen Fröschen? Ihrer sieben oder acht oder auch neun steckte ich mir meist auf meine Lanze und trug sie hierhin und dorthin, und dabei brummten sie, ich weiß nicht was. Es war nicht der Mühe wert, daß der Herr König und wir uns mit solchen Würmern herumschlugen."

 

13.

ZUR gleichen Zeit, als der Kaiser an den Hunnenkrieg die letzte Hand anlegte und alle die erwähnten Völker sich unterworfen hatte, brachten Einfälle der Nordmannen den Galliern und Franken große Unruhe. Als der siegreiche Karl nun daheim war, wollte er sie auf dem Landwege, obwohl das schwieriger und mühseliger war, in ihrer Heimat angreifen. Mag ihn nun Gottes Vorsehung daran gehindert haben, daß nach der Schrift "Israel durch diese Geschehnisse versucht werde", oder mochten unsere Sünden es nicht zulassen: alle seine Versuche schlugen fehl. Und zwar so, um nur ein Beispiel von dem Unglück des ganzen Heeres zu geben, daß von dem Troß eines einzigen Abtes in einer Nacht fünfzig Paar Ochsen an der Pest fielen.

Darum stand der weise Karl, um nicht ungehorsam gegen die Schrift wider den Strom zu streben, von seinem Beginnen ab.

Während er nun für lange Zeit sein weites Reich durchzog, drang Godefried, der König der Nordmannen, durch Karls Abwesenheit ermutigt, ins Frankenland ein und wählte sich den Moselgau zum Wohnsitz. Eines Tages, als er seinen Falken von einer Ente losmachen wollte, folgte ihm sein Sohn, dessen Mutter er eben verstoßen hatte, um eine andere für sie zur Frau zu nehmen, und hieb ihn mitten durch. Nach dieser Tat, wie einst nach dem Tode des Holofernes, wagte niemand mehr sich auf den Mut oder auf die Waffen seiner Leute zu verlassen, sondern alle suchten in der Flucht ihr Heil; und so wurde, damit Karl sich nicht wie das undankbare Israel wider Gott rühmte, ohne sein Zutun das Frankenland befreit. Karl aber, den niemand besiegt hatte und niemand mehr besiegen sollte, gab dennoch für diesen Gerichtstag Gott die Ehre; freilich tat es ihm leid, daß wegen seiner Abwesenheit auch nur einer von ihnen entkommen war: "Ach Schmerz, daß ich nicht sehen durfte, wie mein Christenvolk mit diesen Hundsköpfen gespielt hätte!"

 

14.

ES traf sich auch, daß Karl auf einer Reise einmal unverhofft in eine Küstenstadt des narbonensischen Galliens kam. In diesen Hafen kamen normannische Kundschafter auf ihrer Raubfahrt gerade, als Karl zu

Tische saß, was sie natürlich nicht vermuteten. Als man die Schiffe sah und die einen sagten, es seien jüdische, andere, es seien afrikanische oder auch britische Kauffahrer, erkannte der weise Karl gleich an der Ausrüstung der Schiffe und ihrer Schnelligkeit, daß es nicht Kauffahrer, sondern Feinde waren, und sprach zu seinen Leuten: "Diese Schiffe sind nicht vollgestopft mit Waren, nein, sie sind mit schlimmen Feinden trächtig." Kaum hatten sie das vernommen, als sie, einer den andern über- holend, eiligst zu den Schiffen rannten. Aber vergebens. Denn als die Nordmannen erfuhren, Karl, "der Hammer", wie sie ihn nannten, sei dort, da mieden sie, damit nicht alle ihre Waffen an ihm stumpf würden oder in die allerkleinsten Stücke zerbrächen, in toller Flucht nicht nur die Schwerter ihrer Verfolger, sondern sogar ihre Blicke.

Der fromme Karl aber, gerecht und gottesfürchtig, stand vom Tische auf und stellte sich ans Fenster nach Osten hin und weinte lange und schwer, und da niemand zu ihm zu sprechen wagte, gab er endlich seinen Kriegern und Helden Rechenschaft über dieses sein Gebaren und sein Weinen: "Wißt ihr, meine Getreuen, warum ich so sehr weinte? Nicht darum habe ich Angst, daß diese Nullen und Nichtse mir etwas zu schaden vermögen. Sondern das macht mich so traurig, daß sie es gewagt haben, zu meinen Lebzeiten noch diese Küste anzurühren, und am allerbittersten ist mir, weil ich ahne, wie viel Un- glück sie über meine Nachkommen und ihre Untertanen bringen werden." -

Einstweilen mag in die Geschichte Eures Namensgenossen eine Erzählung eingestreut sein von Eurem Urahn Pippin.

 

15.

ALS die Langobarden und andere Feinde die Römer beunruhigten, schickten sie Gesandte an Pippin, er möge doch um der Liebe des heiligen Petrus willen ihnen baldmöglichst zu Hilfe kommen. Er unterwarf auch unverzüglich die Feinde und betrat Rom als Sieger nur, um dort zu beten, und wurde von den Bürgern mit jubelnden Zurufen empfangen: "Freunde der Apostel und Lieblinge Gottes sind heute gekommen und bringen mit sich den Frieden und erleuchten das Land, auf daß sie Friede geben den Völkern und das Volk des Herren befreien."

(Diesen Vers sangen manche, die seine Bedeutung und Entstehung nicht kennen, noch oft später an den Geburtstagen der Apostel.)

Pippin selbst aber wich dem Neid der Römer aus, noch besser: der Konstantinopolitaner, und kehrte bald ins Frankenland zurück.

Als er aber hörte, die Obersten des Heeres verachteten ihn insgeheim und spotteten seiner häufig, ließ er einen Stier vorführen von furchtbarer Größe und unbezähmbar , und auf ihn einen wilden Löwen loslassen. Der Löwe stürzte sich mit allem Grimm auf den Stier, packte ihn beim Nacken und warf ihn zu Boden.

Der König sprach zu den Umstehenden: "Reißt doch den Löwen vom Stier oder tötet ihn auf seinem Gegner!" Sie sahen einander an, ihr Blut stockte in den Adern vor Entsetzen, und sie konnten bebend kaum stammeln: "Herr, kein Mensch ist unter dem Himmel, der das zu unternehmen wagte."

Er hatte aber größeres Zutrauen zu sich, stand vom Thron auf, zog sein Schwert und durchhieb mit einem Streich des Löwen Nacken und den des Stieres unter ihm. Dann steckte er das Schwert wieder in die Scheide, setzte sich auf seinen Thron und sprach: "Glaubt ihr jetzt, daß ich euer Herr sein kann? Habt ihr nicht gehört, was der Knirps David dem Riesen Goliath tat oder der kleingewachsene Alexander mit seinen langen Fe1dherrn?"

Wie vom Donner getroffen fielen sie zu Boden und sprachen: " Wer anders als ein Wahnsinniger möchte dawider sein, daß Ihr, Herr, die Menschen regiert!"

 

Und nicht nur gegen Tiere und Menschen bewies er sich so, sondern auch gegen bösen Geisterspuk bestand er einen unerhörten Kampf.

Zu Aachen - damals waren die Badehäuser noch nicht gebaut - sprudelten die warmen, heilkräftigen Quellen so aus der Erde, und Pippin befahl einmal seinem Kämmerer, nachzusehen, ob die Quellen gereinigt seien, und keinen Unbekannten zuvor hineinzulassen.

Das geschah. Der König nahm sein Schwert und eilte nur in Hemd und Schuhen zum Bade, als auf ihn plötzlich der alte Feind eindrang, gleich als wolle er ihn töten. Der König aber schützte sich durch das Zeichen des Kreuzes, zog sein Schwert, und als er merkte, daß es nur ein Schatten in menschlicher Gestalt war, stieß er sein unbesiegtes Schwert mit solcher Wucht in die Erde, daß er sich lange abmühte, ehe er es wieder herausziehen konnte.

Doch der Schatten war von solcher Dicke, daß er alle Quellen dort mit faulem Moder und Blut und scheußlichem Fett besudelte. Aber auch das focht den unüberwindlichen Pippin nicht an, und er sagte zu seinem Kämmerer: "Kümmere dich nicht viel darum! Laß das verdorbene Wasser abfließen, daß ich in dem, was rein und lauter fließt, mich unverzüglich baden kann !"

 

16.

ICH hatte mir freilich vorgenommen, erlauchter Kaiser, von Eurem Urgroßvater eine Reihe Geschichtchen für Euch, der Ihr alle seine Taten kennt, zu erzählen. Aber da sich so Veranlassung bot, notwendig Eures glorreichen Vaters Ludwig mit dem Beinamen "der Große" zu gedenken und Eures gottesfürchtigen Großvaters Ludwigs des Frommen und Eures kriegerischen Ahns, des jüngeren Pippin, von denen bei der Trägheit von heute nichts mehr laut wird, so hielt ich es für Unrecht, nichts davon zu berühren und alles zu übergehen.

Denn über den älteren Pippin hat der hochgelehrte Beda in seiner Kirchengeschichte fast ein ganzes Buch geschrieben.

Nachdem ich dies, ein wenig abschweifend, erzählt habe, mag der Flug des Schwanes jetzt zurückkehren zu Euerem Namensgenossen, dem großen Karl. Aber wenn wir von seinen Kriegstaten nicht einiges beiseite lassen, kommen wir niemals dazu, von seinem alltäglichen Dasein zu berichten.

Darum will ich, was sich mir jetzt darbietet, so knapp wie möglich behandeln.

 

17.

ALS nach dem Tode des siegreichen Pippin die Langobarden wieder häufig Rom beunruhigten, machte sich der niebesiegte Karl unverdrossen auf den Weg nach Italien, so sehr er auch noch diesseits der Alpen zu tun hatte. Und wirklich unterwarf er in einem unblutigen Krieg die Langobarden, oder sie demütigten sich freiwillig in seine Knechtschaft. Der Sicherheit halber, damit sie sich nicht gelegentlich vom Frankenreiche 1östen oder das Land des heiligen Petrus irgendwie antasteten, nahm er die Tochter des Langobardenfürsten Desiderius zur Frau.

Sie hatte Karl bald darauf, da sie kränklich und zur Fortpflanzung seines Geschlechts untauglich war, nach dem Rate der heiligen Priester verlassen wie eine Tote. Ihr Vater wurde darob zornig, verbündete sich seine Untertanen durch einen Eid, verschanzte sich selbst in den Mauern Pavias und wollte wieder mit dem unbesieglichen Karl Krieg anfangen.

Zufällig war ein paar Jahre früher einer der ersten Großen namens Otker beim schrecklichen Kaiser in Ungnade gefallen und zu Desiderius. geflohen. Als sie nun die Nähe des furchtbaren Karl vernahmen, stiegen sie auf den höchsten Turm, von wo sie weit und breit sein Kommen sehen konnten.

Als der Troß sich näherte, der stattlicher war als der des Darius oder Cäsars, fragte Desiderius den Otker: "Ist Karl bei diesem großen Heer?" Aber jener entgegnete; "Nein, noch nicht!"

Wie er nun das Fußvolk, aus dem ganzen weiten Reich versammelt, anrücken sah, meinte er bestimmt zu Otker : "Gewiß reitet Karl unter diesen Truppen?" -antwortete Otker: "Nein, immer noch nicht!"

Da wurde er allmählich unruhig und sprach: "Was sollen wir denn tun, wenn noch mehr mit ihm kommen?" - sprach Otker: "Du wirst schon sehen, wie er ankommt. Was aber mit uns geschehen wird, weiß ich nicht."

Und siehe: als sie so redeten, zeigten sich ihnen alle seine Beamten und Diener, die immer geschäftigen. Da Desiderius sie sah, stutzte er wieder und sprach: "Das ist Karl!" und Otker: "Nein, nein, immer noch nicht!" Danach sahen sie die Bischöfe, Äbte, Geistlichen und Kapläne mit ihren Begleitern. Bei ihrem Anblick stammelte der Fürst, schon dem Lichte abgeneigt und nach dem Tode verlangend, unter Schluchzen nur mit Mühe: "Laß uns hinuntersteigen und uns vor dem Antlitz dieses fürchterlichen und drohenden Feindes unter die Erde verstecken!" worauf Otker, der des unvergleichlichen Karl Macht und Rüstung von damals wohl kannte und in besseren Zeiten damit vertraut gewesen war, bangen Muts entgegnete: "Wenn du auf den Feldern eine eiserne Saat starren siehst und Po und Tessin mit eisenschwarzen Meeresfluten die Mauern der Stadt überschwemmen, dann können wir hoffen, daß Karl kommt."

Er hatte das noch nicht zu Ende gesprochen, als zuerst im Westen und Norden es sich wie eine finstere Wolke zu zeigen begann, die den hellsten Tag in schauerliche Schatten hüllt.

Und als der Kaiser näher und näher kam, ging von dem Glanz der Waffen den Eingeschlossenen ein Tag auf, dunkler als alle Nacht. Da sah man auch ihn, den eisernen Karl, eisern behelmt, mit eisernen Ärmeln bewehrt, die eiserne Brust und die breiten Schultern eisern gepanzert. Die eiserne Lanze hoch aufgereckt hielt seine Linke umschlossen, denn die Rechte war stets bereit für den siegreichen Stahl. Die Außenseite seiner Hüften, die man sonst frei läßt, um leichter aufsitzen zu können, war bei ihm mit dünnen eisernen Schuppen bedeckt. Von den Beinschienen brauche ich nichts zu sagen, sie waren ja im ganzen Heere aus Eisen gebräuchlich. An seinem Schilde sah man nichts als Eisen. Auch sein Roß erglänzte eisern wider von Farbe und stolzem Mut.

Solche Rüstung trugen alle, die ihm voraufzogen, alle zu seiner Seite und alle, die ihm folgten, und der ganze Heereszug war insgemein so gewappnet wie er .

Eisen füllte die Felder und Wege, der Sonne Strahlen wurden zurückgeworfen von dem blinkenden Eisen. Dem starren Eisen bezeugte das Volk todesstarr geziemende Ehre: bis tief unter die Erde drang das Entsetzen vor dem glänzenden Eisen. "Das Eisen, wehe, das Eisen!" so tönte das Geschrei der Bürger durcheinander. Vor dem Eisen erbebten die festen Mauern, und der Mut der Jünglinge verging vor dem Eisen der Männer.

Dies alles also, das ich, der Stotterer und Zahnlose, gar nicht, wie ich eigentlich sollte, versucht habe, auf weitem Umweg zu schildern, erfaßte der Späher Otker mit einem Blick und sprach zu Desiderius die Wahrheit : "Siehe, da hast du Karl, den du so sehr suchtest!" Bei diesen Worten sank er fast entseelt zusammen.

 

Aber als an diesem Tage die Bürger der Stadt aus Verblendung oder aus irgendeiner Hoffnung auf glücklichen Widerstand Karl nicht hatten aufnehmen wollen, sprach der vielbegabte Kaiser zu den Seinen: "Laßt uns heute etwas Denkwürdiges tun, damit man uns nicht nachsage, wir hätten diesen Tag müßig verbracht! Schnell ans Werk! Laßt uns eine Kapelle bauen, darinnen wir, wenn uns nicht bald geöffnet wird, Gottesdienst halten können!"

Auf dieses Wort hin zerstreuten sich alle, die einen hierhin, die andern dorthin, holten Kalk und Steine herbei, andere Holz und Farben und trugen es den Handwerkern zu, die immer in Karls Gefolge waren. Von der vierten Stunde des Tages bis zur zwölften bauten sie eine solche Kirche mit Mauern und Dächern, mit Täfelungen und Gemälden unter der Beihilfe der jungen Mannschaft des Gefolges und der Soldaten, daß, wer sie heute sieht, nicht glauben kann, sie sei in einem ganzen Jahre fertig ge- worden.

Mit welcher Leichtigkeit aber Karl am folgenden Tage (einige Bürger wollten die Tore öffnen, andere natürlich Widerstand leisten - vergeblich! - oder besser gesagt: sich einschließen) ohne Blutvergießen nur durch seine Klugheit die Stadt überwältigte, nahm und besetzt hielt: das überlasse ich denen zu beschreiben, die nicht aus Liebe, sondern um des Gewinstes willen Eure Hoheit begleiten.

 

Von dort zog der fromme Karl weiter und kam in die Stadt Furiola, welche die, die sich wer weiß wie gelehrt dünken, Forum Julii nennen. Gerade in den Tagen ging der Bischof (oder modern gesprochen: der Patriarch) der Stadt seinem Lebensende zu. Gleich eilte der fromme Karl, ihn zu besuchen und ihm seinen Nachfolger namentlich zu bezeichnen. Der Bischof konnte nur noch gottergeben tief seufzend sagen: "Herr , dies mein Bistum, das ich lange ohne äußeren und inneren Nutzen verwaltete, will ich dem Willen Gottes und zu Eurer Verfügung zurücklassen, auf daß mich nicht der unentrinnbare und unbestechliche Richter dabei ertappe, wie ich auf den großen Haufen meiner Sünden, die ich zu meinen Lebzeiten beging, auch noch im Tode eine häufe."

Das nahm der weise Karl so an, daß er ihn den alten Vätern mit gutem Recht für gleich erachtete.

Als nun Karl, der sich wie alle Franken gern tummelte und mehr noch als sie, hier eine Weile verziehen mußte, um für den toten Bischof einen würdigen Nachfolger zu bestellen, sagte er eines Sonntags nach der Messe zu seinem Gefolge: "Auf daß uns das Nichtstun nicht schlaff mache und uns zur Trägheit verführe, laßt uns auf die Jagd gehen, bis daß wir etwas erjagen. Und laßt uns alle in dem in dem Anzuge ausziehen, den jetzt jeder gerade trägt!" Es war aber ein kalter Regentag, Karl selbst hatte ein Schafspelz an, nicht viel kostbarer, als der Rock des heiligen Martin war, womit er, wie berichtet wird, nur die Brust bekleidet, mit nackten Armen Gott das Opfer darbrachte, das ihm wohl gefiel.

Die übrigen aber gingen - es war ja Sonntag und sie waren gerade von Pavia gekommen, wohin eben Venetianer alle Reichtümer des Morgenlandes übers Meer gebracht hatten - geschmückt mit den Bälgen phönizischer Vögel, fein mit Seide eingefaßt, oder mit des Pfauen Hals und Rücken und seinem schillernden Schweif, mit tyrischem Purpur oder zitronenfarbenen Bändern besetzt; andere hatten sich kostbar gewebte Decken, wieder andere Felle von Haselmäusen umgeworfen: so mußten sie durch die Wälder, und schließlich kamen sie heim, zerfetzt von Zweigen, Gestrüpp und Dornen, vom Regen durchnäßt, ja auch vom Blut des Wildes und den frisch abgezogenen Fellen besudelt.

Da sprach der listige Karl: "Keiner von uns soll sein Pelzkleid ausziehen, bis wir zu Bette gehen, damit es auf unserm Leib besser trocknen kann." So sorgte also jeder mehr für seinen Körper als für sein Gewand und suchte sich überall ein Feuer, um sich daran zu wärmen. Dann kehrten sie bald zurück, blieben in des Kaisers Dienst bis tief in die Nacht und wurden endlich nach Hause geschickt.

Und als sie nun damit anfingen, jene dünnen Felle und die noch dünneren seidenen Hüllen auszuziehen, konnte man das Brechen der Falten und Nähte weithin hören, wie wenn einer dürres Reisig zerbricht. Und dabei seufzten und jammerten und klagten sie, daß sie so viel Geld an einem einzigen Tage verloren hätten.

Sie hatten aber vom Kaiser die Weisung erhalten, sich ihm am nächsten Tage in demselben Pelzwerk vorzustellen. Das geschah, und keiner glänzte mehr in seinem Staat, nein, sie starrten vor lauter häßlichen Fetzen, an denen nichts mehr von den schönen Farben zu sehen war. Der fleißige Kaiser befahl seinem Kämmerer: "Reibe meinen Pelz da zwischen deinen Händen und bring ihn mir wieder her." Der Pelz wurde wie neu und weißglänzend wiedergebracht; Karl nahm ihn in die Hand, zeigte ihn allen, die herumstanden, und rief dabei: "Ihr seid doch rechte Toren! Welches Pelzwerk ist nun kostbarer und nützlicher, meines hier, das ich für einen Schilling mir kaufte, oder eure da, für die ihr viele Mark und Pfunde gabt?"

Sie sahen zu Boden und konnten seinen furchtbaren Blick nicht aushalten.

 

Diesem Beispiel folgte Euer frommer Vater nicht ein Mal, sondern sein ganzes Leben lang so sehr, daß jedermann, der seiner Bekanntschaft und seiner Belehrung würdig schien, nichts weiter im Heereszuge gegen den Feind zu tragen sich unterfing, als die kriegerischen Waffen und wollene und leinene Kleider. Wenn aber einer von den Untergebenen, mit dieser Zucht nicht vertraut, irgend etwas aus Seide, Gold oder Silber an sich trug und ihm damit zufällig begegnete, so wurde er mit folgenden Worten gescholten und gebessert und ging weiser denn zuvor davon : "Sieh da, du doppelt Goldener! Du Mann aus Silber! Du wandelnder Schariach! Du Ärmster, ist es dir nicht genug, daß du allein - Kriegers Los! - zugrunde gehst? Du willst sogar noch deine Sachen, durch die du deine Seele retten könntest, in die Hände der Feinde geben, daß sie damit die Bilder ihrer Götzen schmücken?"

Wie sehr aber von Kindesbeinen an bis zum siebzigsten Jahre der unbesiegte Ludwig seine Freude am Eisen hatte, welches Schaustück er mit Eisen den Gesandten der Nordmannen vormachte, daran will ich Euch jetzt erinnern, obschon Ihr es besser wißt.

 

18.

ALS die Könige der Nordmannen, ein jeder nach seiner treuen Ergebenheit, Gold und Silber schickten und zum Zeichen ihrer ewigen Unterwürfigkeit und Anhänglichkeit ihre eigenen Schwerter, befahl der König, die Schätze auf die Erde zu werfen; und alle Leute sollten sie nur mit Verachtung ansehen, ja, wie auf Kot mit Füßen darauftreten. Die Schwerter aber ließ er sich, auf erhabenem Throne sitzend, zur Probe bringen.

Die Gesandten nun, die schon besorgten, es könne ein böser Verdacht gegen sie entstehen, und Gefahr für ihr Leben fürchteten, reichten dem Kaiser die Klingen in der furchtsamen Haltung, wie manchmal Diener ihren Herren Messerchen an der äußersten Spitze hinhalten. Karl faßte eine davon am Griff und versuchte, sie von der Spitze bis zum Griff zu biegen: sie brach unter seinen Händen, die doch stärker waren als das Eisen. Dann zog einer von seinen Sendboten sein Schwert aus der Scheide und gab es dem Kaiser nach Dienerweise, damit er es erprobe: "Herr, diese Klinge, glaube ich, werdet Ihr biegsam und starr zugleich erfinden, je nach dem Willen Eurer siegreichen Rechten."

Der Kaiser nahm - und in Wahrheit Kaiser nach der Weissagung des Jesaias: "Schauet den Fels an, davon ihr gehauen seid!" - vom ganzen Volk der Deutschen durch besondere göttliche Gnade allein mit den starken Gliedern und dem Mut der Vorfahren begabt, bog er die Klinge von der äußersten Spitze bis zum Griff wie eine Weidengerte zusammen und ließ sie langsam wieder in die alte Gestalt zurückkehren. Da sahen die Gesandten einander an und ein um das andere Mal verwunderten sie sich: "Daß doch auch unsere Fürsten Gold und Silber ansähen wie feile Dinge und Eisen wie Kostbarkeiten !"

 

19.

UND da nun einmal auf die Nordmannen die Rede kam, will ich durch einige Begebenheiten aus der Zeit Eures Großvaters erzählen, wie sie von Glauben und Taufe dachten.

Wie nach dem Tode des kriegerischen David noch lange Zeit später die Nachbarvölker, die seine starke Faust gebändigt hatte, seinem Sohne, dem friedfertigen Salomo, Tribut zahlten, so ehrte auch das wilde Volk der Nordmannen ähnlich Karls Sohn Ludwig, noch immer unter dem schreckhaften Bann des erhabenen Kaisers und weil er es gewesen war, der ihnen Tribut auferlegt hatte.

Dem frommen Kaiser Ludwig taten die Gesandten schließlich einmal leid und er fragte sie, ob sie den christlichen Glauben nicht annehmen wollten. Sie gaben zurück, immer und überall und in allen Stücken wären sie bereit, ihm zu folgen. So befahl er, sie im Namen dessen zu taufen, von dem der hochgelehrte Augustin spricht: wenn die Dreieinigkeit nicht wäre, so hätte die Wahrheit nicht selbst gesagt: "Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!" Diese Gesandten wurden von den Vornehmen der Pfalz wie an Sohnes Statt angenommen und erhielten aus der kaiserlichen Kammer ein weißes Taufgewand und von ihren Paten fränkische Kleidung in kostbarem Tuch, Waffen und anderen Schmuck.

So geschah es häufiger; aber nicht um Christi willen, sondern des irdischen Vorteils wegen eilten von Jahr zu Jahr mehr und mehr Nordmannen, nicht mehr als Gesandte, sondern als demütige Vasallen zum Dienste des Kaisers am heiligen Ostersabbat herbei.

So waren einmal an die fünfzig gekommen. Der Kaiser fragte sie, ob sie willens wären, sich taufen zu lassen. Sie sagten ja und er befahl, sie unverzüglich mit geweihtem Wasser zu begießen. Da aber nicht mehr so viel leinene Gewänder vorrätig waren, ließ er gewöhnlichen Hemdenstoff zerschneiden und grob zusammennähen, wie man Hecken oder Weinstöcke zusammenflickt.

Als nun ein solcher Kittel einem von den älteren Täuflingen, ehe er sichs versah, übergezogen wurde, besah er ihn sich erst eine Weile verdutzt, dann kam ihn große Entrüstung an und er sagte zu dem Kaiser: "Zwanzigmal schon haben sie mich hier gebadet und immer habe ich ein gutes weißes Gewand gekriegt- und sieh doch: dieser schlechte Sack da kommt keinem Krieger zu, höchstens einem Sauhirten. Und wenn ich mich nicht meiner Nacktheit schämte, da sie mir ja meine Kleider genommen haben und ich deine darum nicht anziehen müßte: deine Kleider mitsamt deinem Christus könntest du behalten!"

So hoch achten die Feinde Christi, was sein Apostel spricht: "Denn wie viele euer getauft sind, so viele haben Christum angezogen", und weiter: "Alle, die in Jesum Christum getauft sind, die sind in seinem Tod getauft", und was besonders vor den Verächtern des Glaubens und Verletzern der Sakramente warnt: "Die wiederum ihnen selbst den Sohn Gottes kreuzigen und für Spott halten".

Daß man solches doch nur bei den Heiden und nicht auch häufig bei denen fände, die sich Christen nennen !

 

20.

ES bleibt noch etwas zu erzählen übrig von der Güte des älteren Ludwig, und dann will ich wieder zu Karl zurückkehren. Der friedliche Kaiser Ludwig, von keinen feindlichen Einfällen geplagt, mühte sich redlich mit frommen Werken, mit Gebet und Almosen, hörte sich Streitfälle an und entschied sie nach aller Gerechtigkeit. Zu diesem Geschäft war er so begabt und durch Erfahrung geübt, daß er - einmal wagte es einer, der wie Ahitophel von allen für einen Engel Gottes gehalten wurde, ihn des- wegen auszulachen - diesem Mann mit sanfter Miene und ruhiger Stimme, aber innerlich doch ein wenig erregt, nur zu antworten brauchte: "Du weisester Anshelm, wenn es Gott leidet, möchte ich doch wagen zu sagen, daß du nicht auf dem rechten Wege bist."

Und von diesem Tage an achteten alle diesen Rechtskundigen für nichts.

 

21.

IM Wohltun war der barmherzige Ludwig so eifrig, daß er die Almosen nicht nur vor seinen Augen austeilen ließ, sondern am liebsten sie selbst gab. Und obendrein beschloß er für den Fall seiner Abwesenheit, so die Sache der Armen zu regeln, daß er einem von ihnen, der freilich sehr armselig, aber doch beherzter als die andern zu sein schien, auftrug, ihre Vergehen zu strafen, gestohlenes Gut wieder zurückzugeben, Beleidigungen und Verletzungen zu vergelten und schwereren Verbrechern einzelne Glieder oder den Kopf abschlagen oder sie aufhängen zu lassen. Dieser setzte für sich Herzöge, Tribunen und Zentgrafen und ihre Stellvertreter ein und versah sein Amt mit allem Eifer.

Er selbst aber, der barmherzige Kaiser, verehrte in ihnen allen den Herrn Christus und ließ nie ab, ihnen Nahrung und womit sie sich zudeckten, zu reichen; und das besonders an dem Tage, an dem Christus das sterbliche Kleid ablegte und sich rüstete, das unvergängliche wieder anzuziehen. An diesem Tage spendete er auch reichlich Geschenke allen, die in der Pfalz aufwarteten und am königlichen Hofe Dienste taten, je nach der Person des einzelnen, derart, daß er unter alle Vornehmeren Wehr- gehenke und Gürtel und kostbare Kleider, die ihm aus dem weiten Reich gebracht waren, verteilen ließ; den Untergebenen wurden friesische Mäntel von allen Farben gereicht; endlich die Pferdeknechte, die Bäcker und Köche erhielten leinene und wollene Kleider, wie sie deren bedurften.

So war niemand mehr bedürftig, wie es von den Aposteln geschrieben steht, und alle waren voller Dank: so zogen die Armen, sonst zerlumpt, nun schön und weiß gekleidet durch den großen Hof zu Aachen und die kleinen Höfe, die die Lateiner gewöhnlich "porticus" nennen, und sangen, daß es bis zum Himmel klang: "Herr, erbarme dich über den glückseligen Ludwig!" Und wer von den Rittern konnte, umfaßte des Kaisers Füße, die andern huldigten von weitem; und als so der Kaiser zur Kirche schritt, sang einer der Spielleute zum Scherz: "Heil dir, Ludwig, der du so viel Menschen an einem Tage kleiden konntest! Bei Christus, niemand in ganz Europa hat heute mehr Menschen gekleidet als du, außer Atto." Als der Kaiser fragte, wieso jener mehr gekleidet habe, begann der Fahrende, gleichsam belustigt, daß er den Kaiser hatte in Verwunderung bringen können, laut lachend: "Heute hat er die meisten Kleider ausgeteilt." Das nahm der Kaiser freundlich hin als Scherz und Neckerei, sanft wie er war, und betrat die Kirche demütig und fromm und hielt sich darin so andächtig, als vermeinte er, den Herrn Jesus Christus selbst mit leiblichen Augen zu sehen.

Ludwig pflegte sogar zu allen Zeiten, nicht aus irgend welchem Bedürfnis, sondern um eine Gelegenheit zum Schenken zu haben, an jedem Samstag zu baden und alles, was er dabei ablegte, seinen jeweiligen Bedienten zu geben außer Schwert und Wehrgehenk. Seine Freigebigkeit erstreckte sich bis auf die Niedrigsten, so daß er zum Beispiel dem Glaser Stracholf, einem Knecht von St. Gallen, der ihm damals hier aufwartete, seinen ganzen Anzug geben ließ.

Das hatten umherlungernde Knappen erfahren, legten sich am Wege in einen Hinterhalt und wollten ihn ausrauben. Aber er fuhr sie an: " Was wollt ihr ? Dem Glaser des Kaisers wollt ihr Gewalt antun?" Da antworteten sie: "Dein Amt freilich wollen wir dir lassen……